KILL BILLSie wollte ihr Leben als Killerin hinter sich lassen und aussteigen. Sie wollte heiraten und ihr noch ungeborenes Kind in einem gesunden Umfeld großziehen, doch ihre Vergangenheit ließ sie nicht los. In einem Massaker wurde die Hochzeitsgesellschaft niedergemäht, und sie, die Braut, entging nur knapp dem Tode und fiel ins Koma. Doch nun ist sie aufgewacht, und sie hat nur noch eines im Sinn: Rache an den Leuten, die ihr das angetan haben. Auf ihrer Todesliste stehen die Namen ihrer Ziele: O-Ren Ishii (Lucy Liu), Vernita Green (Vivaca A. Fox), Budd (Michael Madsen), Elle Driver (Daryl Hannah) und der Anführer des Deadly Viper Assassination Squads: Bill (David Carradine). Und wie die alten Klingonen schon wussten, ist Rache ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Quentin Tarantino ließ es nach seinem Riesenerfolg und Kultfilm PULP FICTION mit dem dritten Film JACKIE BROWN etwas ruhiger angehen und machte einen vielleicht weniger kultigen, aber dennoch beeindruckenden Schauspielerfilm, der mit jeder Sichtung besser wird. Es dauerte sechs Jahre, bis sein vierter Film auf der Leinwand erscheinen sollte, und er servierte den Zuschauern in zwei aufeinanderfolgenden Teilen den wahrscheinlich größten Film-Remix aller Zeiten. KILL BILL ist ein Hochglanz B-Movie und Overkill an Genres, Clichés und filmischen Hommagen und gleichzeitig eine enorme technische Reifung Tarantinos, der nun beweisen konnte (und wollte), dass er auch herausragend Actionszenen zu realisieren in der Lage ist.

KILL BILL - David Carradine

KILL BILL ist eine Mischung aus Martial Arts (Elemente des Samuraifilms, des klassischen Hong Kong Easterns und der chinesischen wuxia Geschichten inklusive der Kampfchoreografie von Altmeister Yuen Woo-Ping), aus Yakuzafilm (und Würdigung japanischer Darsteller wie Sonny Chiba, Jun Kunimura, Chiaki Kuriyama), aus Italo-Western (Leone / Corbucci) und deren Musik (Morricone), aus Anime (!), zahlreichen Filmzitaten (die in dem genialen Video aus der Reihe „Everything is a remix“ zusammengestellt wurden, siehe unten) und nicht zuletzt ein Denkmal für Tarantinos Muse und Racheengel, Uma Thurman (GATTACA), die als Braut aka Beatrix Kiddo den Body Count in KILL BILL Szene für Szene in die Höhe treibt und sich an ihren Peinigern rächen darf, bis sie schließlich Bill bevorsteht, der von keinem geringeren als Kung Fu Star David Carradine gespielt wird. Die Figur der Braut wurde von Tarantino gemeinsam mit Uma Thurman bereits während der Arbeit an PULP FICTION erfunden. Während sich Tarantino in ein alle Rahmen sprengendes Drehbuch für einen Weltkriegsfilm verzettelte (aus welchem später INGLOURIOUS BASTERDS werden sollte), holte er zwischendurch das Treatment zu KILL BILL hervor und entschied sich, diesen Film als kleinen 90-Minüter dem Kriegsfilm vorzuziehen. Aus den 90 Minuten wurden bekannterweise fast 250 Minuten, und aus dem B-Movie Rache-Flick ein Kultepos.

KILL BILL ist für jeden Fan des asiatischen Martial Arts Films Fetisch und déjà vu zugleich. Tarantino verwendet bekannte Darsteller des Genres, zitiert Kultfilme wie LADY SNOWBLOOD (1973), SAMURAI FICTION (1998), FIST OF FURY (1972) und GAME OF DEATH (1978) und tobt sich in anspruchsvollen Montagen vor allem im Finale von Vol. 1 aus, inklusive Plansequenz und Massenchoreografie. Der Western kommt auch nicht zu kurz, vor allem in zahlreichen Morricone Samples, aber auch in vielen Einstellungen, z. B. beim El Paso Massaker. Durch die Aufteilung in mehrere Kurzkapitel passen diese ganzen Stilmittel dennoch nahtlos zusammen, obwohl hin und her gewechselt und (für Tarantino typisch) die Chronologie durcheinander gebracht wird. Wie Tarantino in einem Interview anmerkte, wird KILL BILL je nach Sichtungsart zu einem vollkommen anderen Erlebnis: sieht man sich beide Teile direkt hintereinander an, wirken sie wie ein ganzer Film. Das große Finale zwischen der Braut und Bill ist der Höhepunkt. Schaut man sich nur einen der beiden Teile an, funktionieren sie als kleinere Filme mit ihren individuellen Spannungsbögen. Man könnte schließlich laut Tarantino sogar die einzelnen Kapitel als Kurzfilme voneinander trennen und KILL BILL wie eine Serie konsumieren. Ich halte es in dieser Besprechung mit der ersten Variante und betrachte beide Teile als einen großen Film, der in allen Belangen funktioniert.

KILL BILL - Uma Thurman

KILL BILL hat weder einen spannenden noch komplexen Plot aufzuweisen. Wir wissen von Anfang an, worum es geht und höchstwahrscheinlich auch, wie der Film ausgeht. Der Reiz von KILL BILL ist das cineastische Austoben in Genres, die pure Lust auf den mit Leichen gepflasterten Weg Uma Turmans, ihre Rache zu erlangen, der Kampf Eine gegen Hunderte, wie wir ihn aus unzähligen Kung Fu- und Samuraifilmen kennen und schätzen (natürlich mit obligatorischen snap zooms, die vor allem Gordon Liu großartig in Szene setzen!). Doch zwischen all dem Fetisch, der Lust auf Leinwand-Gewalt, der Rache-Katharsis, der brillanten Inszenierung eines Regie-Freaks, überzeugt auch die Performance der Schauspieler, die mit einer augenzwinkernden Ernsthaftigkeit die abstrusesten Szenen meistern und Tarantinos Figuren Leben verleihen. Tarantinos bis zum damaligen Zeitpunkt aufwendigster Film KILL BILL macht schlichtweg irrsinnigen Spaß, und ist daher auch in meiner Auswahl der besten Filme der 2000er gelandet.

KILL BILL
USA 2003/2004
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Sally Menke
111 min. (Vol. 1) / 137 min. (Vol. 2)

10/10

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