Diese Idee könnte aus der Feder eines fantasievollen Drehbuchautors kommen: Um sechs Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Teheran aus dem Iran zu schmuggeln, gibt sich ein CIA Agent als Filmproduzent aus, der im Iran einen Science Fiction Film realisieren möchte. Die sechs Amerikaner sind Teil der Filmcrew, die nach erfolgreichem Location Scouting vor den Augen der Revolutionsgarde wieder nach Hause fliegen sollen. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Plot nicht um ein Fantasieprodukt, sondern um eine reale verdeckte Operation, durch deren Hilfe die sechs besagten Amerikaner im Jahre 1979 nach dem Ansturm auf die Botschaft gerettet werden konnten. Lässt man den politischen Hintergrund mal außen vor, weswegen die Amerikaner dort überhaupt mit Animositäten zu kämpfen hatten (und haben), so ist diese Mission eine Art Glanzleistung der Spionagearbeit, deren Akte lange Zeit verschlossen geblieben war. Nun verfilmte Regisseur Ben Affleck (THE TOWN) die aberwitzige Geschichte und versetzt den Zuschauer mitten hinein in die abklingenden 70er.

Dabei ist ARGO (der Titel des fiktiven SF Films) alles andere als historisch akkurat und verändert und dramatisiert wesentliche Szenen. Man darf den Film, der bei den diesjährigen Oscars als bester Film ausgezeichnet wurde (ohne Nominierung Afflecks als bester Regisseur), also keineswegs als Nacherzählung oder gar als dokumentarisches Werk betrachten. Aber dies sollte bei einem Film auch nicht das Hauptkriterium sein. Wenn man über ein historisches Ereignis lernen will, dann sollte man ein Geschichtsbuch aufschlagen oder entsprechende Artikel lesen. ARGO selbst muss in erster Linie als Film funktionieren, und das tut er überwiegend, wenngleich die Überdramatisierung, vor allem im Schlussakt, zwar spannend, aber völlig unnötig ist. ARGO ist ein liebevoller Rückblick in die Zeit: Produktionsdesign, Perücken, Schnauzer und Bärte, veraltete Technik und qualmende Agenten. Überzeugende Darsteller auch in nur kleinen Rollen sorgen für ein positives Filmerlebnis. Und Affleck, dessen Fan ich nicht bin, zumindest nicht Fan des Stars Affleck, macht sich mehr und mehr einen Namen als aufstrebender und seriöser Regisseur. Nach seiner gelungenen Milieustudie THE TOWN (2010) hat er mit ARGO ein großes und aufwändiges Projekt realisiert, dass aufgrund seines Themas eigentlich nur gewinnen konnte – zumindest beim amerikanischen Publikum. Affleck selbst spielt zurückhaltend und grüblerisch, ohne die Manierismen, die den Star Ben Affleck so unsympatisch machten (stupides Grinsen bei halb geöffneten Augen z. B.), doch seine zu honorierende Leistung bei diesem Film ist natürlich die Regiearbeit.

Doch so sehr ich auch dem Film positives abgewinnen konnte, so sehr ich auch das Agenten- und Spionagegenre liebe und Filme aus oder über die 70er, so ganz konnte der Funke nicht überspringen. ARGO ist für meinen Geschmack gut bis sehr gut, aber in keiner Weise herausragend. Man möge an dieser Stelle mit mir den Vergleich zu David Finchers ZODIAC (2007) ziehen – wer auf meiner Wellenlänge schwingt, weiß, wovon ich rede.

ARGO - Ben Affleck

Dennoch macht ARGO Spaß, und auch wenn sein Drahtseilakt zwischen Drama (die Geiseln) und Komödiantischem (Arkin und Goodman) bisweilen grenzwertig und der bereits erwähnte überspannte Bogen vor allem in der Schlussszene am Teheraner Flughafen too much ist, so bekommt der Zuschauer doch einen packenden und ansprechenden Thriller zu sehen, mit vielen gelungenen Momenten. Eine echte amerikanische Heldengeschichte (Politik ausgeklammert), und wems nicht gefällt: „Argo fuck yourself!“

ARGO
USA 2012
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Chris Terrio
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: William Goldenberg
130 min. (extended version)

8/10

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