Das Timing hätte kaum besser sein können. Mitten in der NSA-Affäre um Whistleblower Edward Snowden kommt Robert Redfords neuer Film in die Kinos. Es ist politisches, patriotisches und kritisches Kino, das viele Fragen aufwirft und den Zuschauer auffordert, sich Gedanken zu machen.
THE COMPANY YOU KEEP ist die Geschichte von alten Menschen, die in ihrer Jugend der linken Gruppierung der Weathermen angehörten, die sich, nach jahrelanger wirkungsloser und friedlicher Demonstration gegen den Vietnamkrieg und die Verbrechen der amerikansichen Regierung, radikalisierten und den Krieg nach Amerika bringen wollten, indem sie beispielsweise Regierungsgebäude in die Luft sprengten. Mittlerweile sind die Zeiten vorbei, die verbliebenen Weathermen sind untergetaucht und führen unter anderen Namen ihre Leben in der amerikanischen Gesellschaft. Nachdem sich eine von vieren, die wegen eines Banküberfalls, der zum Tod eines Mannes führte, plötzlich der Polizei stellt, kommt auf ein Mal Bewegung in die vergessene Geschichte. Der junge Journalist Ben Shepard (Shia LaBeouf) hängt sich an die Geschichte und macht einen Anwalt namens Jim Grant (Robert Redford) ausfindig, der den Fall der Inhaftierten nicht übernehmen wollte. Nach einer Weile entdeckt Shepard, dass Grant in Wahrheit Nick Sloan heisst und einer der wegen Mordes gesuchten vier Weathermen ist. Der Anwalt Grant/Sloan lebt als Witwer mit seiner efljährigen Tochter zusammen und führt offensichtlich ein solides und konformes Leben, doch seine Aufdeckung zwingt ihn dazu, erneut unterzutauchen und davonzurennen. Dabei wird er nicht nur vom FBI, sondern auch vom immer ambitionierteren Shepard gejagt, welcher wiederum dabei ist, immer mehr Geheimnisse rund um die Weathermen aufzudecken.

Meine Kinobesuche sind in den letzten Jahren vor allem aufgrund der unverschämten Preise mehr und mehr zurückgegangen, und mittlerweile sichte ich beinahe alle Filme nur noch im Heimkino. Allerdings gibt es immer noch Namen, die mich ins Kino zerren, bei denen ich nicht die paar Wochen oder Monate warten möchte, bis der Film in der Videothek oder im Verkauf landet. Einer dieser Namen ist Robert Redford (LIONS FOR LAMBS, A RIVER RUNS THROUGH IT). Ähnlich wie Clint Eastwood ist er eine Ikone vor und hinter der Kamera, und wenn auch bei beiden nicht jeder Film der große Wurf ist, versetzen sie mit Regelmäßigkeit durch intelligentes Kino das Publikum in Staunen. Robert Redford ist links orientiert, damit haben vor allem konservative Amerikaner ihre Probleme, und ein Blick in das imdb-Forum reicht aus, um zu sehen, wie paranoid viele noch sind und überall die kommunistische Verschwörung wittern. Dies ist natürlich völlig haltlos, denn Redford ist ein Patriot, der sein Land liebt, der es aber eben auch sehr kritisch betrachtet und Fragen stellt. Dies ist das größte Verdienst von THE COMPANY YOU KEEP: Sollte man Menschen, die früher einmal etwas getan haben, was von der Administration als Terrorismus eingestuft wurde, mittlerweile jedoch ihr Leben weiter gelebt haben, Kinder haben, ihre Steuern zahlen und „anständige“ Menschen wurden, verzeihen können? Gibt es so etwas wie eine zweite Chance? Ist es wert, manche Geheimnisse ruhen zu lassen, weil man vielleicht mehr Schaden anrichtet, auch wenn ein paar Menschen möglicherweise zurecht ins Gefängnis kommen? Die Frau, die sich zu Beginn stellt (gespielt von Susan Sarandon), hat zusammen mit LaBeouf eine der stärksten Szenen im Film. Sie erklärt ihre Motive von damals und ihre aktuellen Motive, sich zu stellen. Sie hat Kinder und alte Eltern, die sie liebt, um deretwillen sie reinen Tisch machen möchte. Würde sie es wieder tun, fragt Shepard. Natürlich, antwortet sie, denn was die Regierung getan hatte, war ein Verbrechen, und ihnen blieb keine andere Möglichkeit mehr. Für manche mag es ein Kick gewessen sein, doch für sie war es nie „groovy“, es war ein Handeln aus verzweifelter Überzeugung. Redford erschwert uns das Urteilen durch seine Figur des liebenden Witwers mit der bezaubernden Tochter. Kann es gerecht sein, diesen Mann wegzusperren und das Leben des Kindes nach dem Verlust der Mutter entgültig zu traumatisieren? In einem Punkt macht es sich Redford allerdings leicht, denn seine Figur soll unschuldig sein und versucht durch die Flucht genau dies zu beweisen. Es wäre vielleicht noch schwieriger gewesen, all die Fragen zu beantworten, wenn die Mordanklage nicht fälschlicherweise gegen ihn erhoben wäre. So ist er ein Unschuldiger, der lediglich Teil der Gruppe war und all die Jahre zu Unrecht gejagt wurde.

THE COMPANY YOU KEEP ist ein intelligenter Thriller ganz im Stile der Sechziger/Siebziger, besetzt mit hochkarätigen Altstars (Susan Sarandon (BULL DURHAM), Nick Nolte (WARRIOR), Brendan Gleeson (IN BRUGES), Sam Elliott (THE BIG LEBOWSKI), Julie Christie (DOCTOR ZHIVAGO), Chris Cooper (AMERICAN BEAUTY), Richard Jenkins (SIX FEET UNDER) und natürlich Redford selbst, den noch im hohen Alter seine beiden Hauptqualitäten als Schauspieler ausmachen: sein unverschämt gutes Aussehen und die Seriosität und damit Glaubwürdigkeit, die er in seinen Rollen ausstrahlt); zudem ergänzt durch die jungen Shia LaBeouf (TRANSFORMERS) (gewissermaßen in Anspielung auf den von Redford in ALL THE PRESIDENT’S MEN (1976) porträtierten Enthüllungsjournalisten Bob Woodward, der allerdings ein anderes moralisches Verständnis an den Tag legte als der sensationslüsterne Shepard), Anna Kendrick (UP IN THE AIR), Brit Marling (ARBITAGE) und Sängerin Jackie Evancho. Überwiegend ruhig und mit Bedacht montiert, glänzt er durch seine Charaktere und die moralischen Fragen, die durch sie angedeutet werden. Da ist der pazifistische Jenkins, der die Gewalttaten der Kollegen bis heute verflucht, oder die immer noch rebellische Christie, für die Hasch verkaufen weniger verwerflich ist als Immobilien zu verspekulieren. Andeutungen auf die heutige amerikanische Gesellschaft macht Redford zur Genüge. Doch auch die spannenderen Momente, in denen Redford auf der Flucht ist und das FBI abhängt, sind gekonnt und stilsicher inszeniert (schau es dir genau an, Paul Greengrass!) im Flair der Klassiker, deren Teil Redford selbst oft gewesen ist. Kleine Schwächen, wie z. B. die unterentwickelte Rolle des FBI-Ermittlers (gespielt von Terrence Howard) oder die bereits genannte Unschuld der Hauptfigur schmälern das Gesamtergebnis nur unwesentlich. Ähnlich wie der kürzlich von mir gesichtete Film FAIR GAME verdient THE COMPANY YOU KEEP das Prädikat besonders wertvoll, weil es den Zuschauer aufrüttelt. Natürlich kann man aus dem Kino gehen und schon an den nächsten Film denken oder an das Maxi Menü, das man gleich vertilgen wird. Aber so kann man auch sämtliche Ereignisse, die in der Welt geschehen und über die berichtet wird (oder nicht) ignorieren. Interessant ist es, wenn man bereit ist, Stellung zu beziehen und sich hinterfragt. Was würde ich tun, wenn meine Regierung etwas täte, das von weiten Teilen der Bevölkerung als Verbrechen gesehen wird, ohne Aussicht auf Verbesserung? Protestieren, Auswandern? Kommt der Punkt, an welchem gewalttätige Aktionen gegen das System legitim, wenngleich nicht legal, sind? Und darf man mich auch 30/40 Jahre später deswegen verdammen, wenn vielleicht mittlerweile das System selbst anders denkt? Fragen, mit denen sich ein Edward Snowden sicherlich auch befasst hat. Fragen, die Redford zur richtigen Zeit an das Publikum stellt.

THE COMPANY YOU KEEP
USA 2013
Regie: Robert Redford
Drehbuch: Lem Dobbs
Kamera: Adriano Goldman
Schnitt: Mark Day
121 min.

9/10

Kommentare
  1. Bei mir ist der Film aufgrund des einen oder anderen Kritikpunkts eine Nuance weniger gut weggekommen (nachzulesen unter DIE NACHT DER LEBENDEN TEXTE), aber deine Meinung ist gut begründet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s