NETWORK

Veröffentlicht: 7. August 2013 in reviews
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Ach ja, die goldenen Siebziger! Regelmäßige Leser meines Blogs werden jetzt vermutlich die Augen verdrehen, wenn ich wieder ein Mal auf meine Lieblingsdekade des amerikanischen Films hinweise. Doch ich kann es nicht ändern. Es reicht aus, an diverse Titel oder Regisseure der Zeit zu denken, und mich überkommt wohliger Schauer und Schwärmerei. Diese goldene Ära Hollywoods hat zahlreiche intelligente und grandiose Filme hervorgebracht, angetrieben von der Kreativität von Leuten wie Scorsese, Lumet, Pollack, De Palma, Spielberg, Coppola usw.
NETWORK aus dem Jahre 1976 zählt nicht zu meinen Favoriten, ist aber dennoch eine ungemein raffinierte, fiese und prophetische Satire auf die Fernsehwelt und was sie mit den Zuschauern macht. Wenn man sich die heutige Programmlandschaft im TV so ansieht, dann stellt man fest, dass der von Peter Finch gespielte Howard Beale in seinen TV-Ausbrüchen die Zukunft vorhersagte und seine Reden heute genauso halten könnte. An dieser Stelle jedoch ein kurzer Stopp und Zurückspulen an den Anfang, denn vermutlich gibt es Menschen, die NETWORK noch nicht kennen.

Die Geschichte handelt vom TV-Nachrichtensprecher Howard Beale (Peter Finch), der aufgrund seines Alkoholismus und sinkender Quoten vom Fernsehsender UBS gefeuert wird. In einer seiner letzten Ansprachen kündigt er daraufhin an, sich in zwei Wochen vor laufender Kamera zu erschießen. Die Ironie: erstens macht Beale einen Witz, den er am Abend zuvor mit seinem Vorgesetzten und langjährigen Freund Max Schumacher (der ihm kündigen musste) beim Besäufnis als Schnappsidee ersonnen hatte. Zweitens ist die Monotonie und Lethargie im Nachrichtenstudio während der Sendung so groß, dass beinahe niemand aus dem Team Beale zuhört und realisiert, dass er live Suizid ankündigt. Doch schließlich wird kurzer Prozess gemacht: Beale wird ohne Restlaufzeit sofort aus dem Programm genommen und die Sache scheint erledigt – bis am folgenden Tag festgestellt wird, dass die Einschaltquoten so hoch wie nie waren. Beales Eskapade war ein Hit. TV-Produzentin Diana Christensen (Faye Dunaway) erkennt das Potential und überzeugt den Vorstand in Person des Geschäftsmanns Frank Hackett (Robert Duvall), Beale weiter auf Sendung seinen Wahn ausleben zu lassen. Genau das passiert: Howard Beale kann nun in jeder Sendung seine mentalen Ergüsse von sich geben. Und obwohl er die Falschheit des Fernsehens, die Verdummung der Zuschauer und die miesen Praktiken des Vorstands anprangert und dabei das Publikum aufhetzt („I am mad as hell!“), unternimmt niemand aus der Chefetage etwas dagegen, denn die Quote stimmt schließlich. So werden Beales TV-Auftritte immer bizarrer, er fällt nach jedem Ausbruch in Ohnmacht, die Kamera fährt auf den leblosen Körper zu, die Zuschauer jubeln, und das TV-Jingle wird eingespielt. Keine Frage, dass ein großer Knall in irgendeiner Form bevorsteht.

Doch NETWORK ist nicht nur die Geschichte Beales. Es ist auch die Geschichte einer kurzen Affäre zwischen dem in die Jahre gekommenen Schumacher (William Holden) und der arbeitssüchtigen Christensen. Er verliebt sich in sie, ist drauf und dran, seine langjährige Ehe zu zerstören, doch sie lebt vollständig in der TV-Welt, entrückt jeglicher Realität. Eine Beziehung ohne Zukunft, wie in einer Kitsch Soap. In der vorletzten Szene ist es unter anderem Christensens Satz, der dem Zuschauer den Rest gibt und offenbart, wie realitätsfern sie geworden ist. Alle Figuren wirken auf ihre Weise beinahe wie überzeichnete Archetypen. Der über Leichen gehende Geschäftsmann Hackett, der sich nicht interessiert für Qualität, Ethik oder die Gesundheit eines kranken Mannes; die völlig unter Strom stehende Christensen, die für TV Quoten am liebsten jede Woche authentisches Selfmade-Footage von Banküberfällen radikaler Gruppen einspielen möchte und aus dem Nachrichtensprecher eine Art TV Prediger macht mitsamt Esoterik-Hokus Pokus; der quasi-Erleuchtete Beale, der alles andere als verrückt ist, sondern in seinen Ausbrüchen lediglich die Wahrheit sagt, die jeder von uns irgendwie kennt, aber in der täglichen Routine ausblendet; Schumacher ist ein Mann aus einer anderen Zeit, ein Romantiker, desillusioniert und mehr und mehr Distanz zur (TV) Welt nehmend. All diese Charaktere würden nicht so ohne weiteres in Kombination funktionieren, wenn sie nicht so phänomenal porträtiert wären. Die schauspielerischen Leistungen des Starensembles sind hochklassig und verknüpfen sich mit den unterschiedlichen Story-Facetten und der Regieleistung Lumets (12 ANGRY MEN, DOG DAY AFTERNOON, THE VERDICT) zu einem besonderen Film. Laut, schrill und böse – doch entlarvend und durchschauend.
NETWORK gewann vier Oscars aus insgesamt zehn Nominierungen: Drehbuchautor Paddy Chayefsky sowie die Darsteller Finch, Dunaway und Beatrice Straight (für ihren kurzen, jedoch bemerkenswerten Auftritt als Christensens Ehefrau). Ein Klassiker des amerikanischen Kinos, den jeder gesehen haben sollte.

NETWORK
USA 1976
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Paddy Chayefsky
Kamera: Owen Roizman
Schnitt: Alan Heim
121 min.

9/10

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