TO THE WONDER

Veröffentlicht: 8. August 2013 in reviews
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Während Terrence Malick in THE TREE OF LIFE das Wunder des Lebens zelebrierte, so betrachtet er nun in TO THE WONDER das Wunder der Liebe. Stilistisch wie ein kleiner Bruder des epochalen Vorgängers, da beinahe identisch in seiner Machart, fordert Malick vom Zuschauer erneut einiges ab. Wie bei all seinen Filmen, jedoch speziell bei den letzen beiden, muss man viel Geduld aufbringen und sämtliche narrativen Konventionen hinter sich lassen. Der Amerikaner Neil (Ben Affleck) verliebt sich in Paris in Marina (Olga Kurylenko). Sie entschließt sich, ihm in die Vereinigten Staaten zu folgen, zusammen mit ihrer zehnjährigen Tochter (Tatiana Chiline). Doch die anfangs so leidenschaftlichen und spielerischen Emotionen und Zärtlichkeiten lassen nach dem Umzug bald nach. Im weiten und flachen Oklahoma erlebt Marina einen Kulturschock und fühlt sie sich fremd und deplatziert, während ihre Tochter keine Freunde findet. Die Beziehung kühlt ab, sie verlässt ihn Richtung Frankreich. Neil trifft plötzlich auf eine alte Bekanntschaft (Rachel McAdams), doch es gelingt ihm nicht, sich auf die Beziehung einzulassen. Später meldet sich Marina wieder und kehrt zu ihm zurück. So pendelt die Beziehung der beiden in einem Auf und Ab, während wir parallel Priester Quintana (Javier Bardem) kennenlernen, der in einer Glaubenskrise steckt und ebenfalls seine Liebe, nämlich die zu seinem Gott, in Frage stellt und sucht. Er ist ein einsamer Mann, der durch seine Kirche geistert und immer wieder im Armenviertel den Kontakt zu den Menschen am gesellschaftlichen Rand sucht. Er versucht den Leuten etwas zu geben, unter anderem auch Marina und Neil, aber er hinterfragt permanent seine eigene Beziehung zu Gott.

Zweifellos weist TO THE WONDER wie bereits THE TREE OF LIFE starke autobiographische Züge auf, denn genauso wie bei den Kindheitsimpressionen aus letztem Film werden hier Vignetten und Erinnerungen verarbeitet, starke zwischenmenschliche Emotionen. Jeder, der intensiv verliebt gewesen ist, erkennt sich in einzelnen Einstellungen. Malick arbeitet nicht mit Szenen, sondern mit Momenten, die er scheinbar willkürlich einfängt und diese dann bei der Postproduktion erst zum Gesamtwerk verknüpft. Hier liegt wohl eine seiner größten Stärken vor, denn meistens ist es eher fatal, wenn der Regisseur während der Produktion noch nicht genau weiss, was am Ende herauskommen wird. Bei Malick ist das Programm. Er beschreibt seinen Schauspielern die Figur, ihren Hintergrund, gibt ihnen lange Bücherlisten zum Abarbeiten, doch dann lässt er sie agieren, um zu sehen, welche spontanen Momente entstehen, die dann Lubezskis Kamera virtuos einfängt. TO THE WONDER ist praktisch ein Stummfilm, denn die wirklich seltenen Momente von kohärentem Dialog sacken meistens in ihrer Lautstärke herab und gehen in der Soundkulisse unter. Dies faszinierte mich beim Film am meisten: obwohl kaum gesprochen wird, die Narration aus Einzelimpressionen besteht, keine Erklärungen oder sonst etwas vorhanden sind, sprechen die Bilder komplett für sich. Wir verstehen die intensive Liebe zu Beginn des Films, wir erkennen die Entfremdung, wir registrieren den Seitensprung, selbst die Impressionen um Neils berufliche Arbeit formen wir zu einem Gesamtbild zusammen. Man kann am Ende den Ablauf der Geschichte in Gänze zusammenfassen, ohne auf Erklärungen oder Beschreibungen im Film angewiesen zu sein. Von welchen Filmen kann man das sonst behaupten? Jemand, der in der Lage ist, etwas zu erzählen, und sich dabei voll und ganz auf die Bilder verlässt, hat das Medium Film verstanden.

Das ist natürlich nicht jedermanns Geschmack, vor allem, weil wir in der Regel andere Formen der Narration gewöhnt sind. Wer nicht die richtige Stimmung mitbringt und Lust auf Malicks Kino hat, der wird TO THE WONDER, wie auch seinen anderen Filmen, wenig abgewinnen können. Sein Film hat auch mit einigen Schwächen zu kämpfen, zumindest im Vergleich mit THE TREE OF LIFE. So wiederholen sich die Pirouetten und das Rumgehüpfe Kurylenkos ins Endlose, selbst als die Verliebtheit nachlässt. Auch insgesamt erreichen die Bilder nicht die Kraft des Vorgängers. Daher ist die kürzere Lauflänge hier angebracht. Doch abgesehen von einigen wenigen Abstrichen bietet Terrence Malick einen Film, der sich in sein Gesamtwerk einreiht und seinen roten Faden (wenn es den überhaupt gibt) weiterführt.
In erster Linie fasziniert mich an den Filmen Malicks, neben ihrer offensichtlichen Schönheit und der einmaligen Atmosphäre, die sie innehaben, dass sie funktionieren; dass er die Emotionen und Impressionen, an die er sich erinnert oder die er hervorrufen möchte, dem Zuschauer vermitteln kann – vielleicht nicht jedem, aber denjenigen, die eine gewisse Flexibilität an den Tag legen können. Dies gelingt ihm auch mit TO THE WONDER, seiner Ode an die Liebe.

TO THE WONDER
USA 2013
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: A.J. Edwards, Keith Fraase, Shane Hazen, Christopher Roldan, Mark Yoshikawa
112 min.

8/10

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