JANGHWA, HONGRYEON (A TALE OF TWO SISTERS)

Veröffentlicht: 18. Januar 2014 in reviews
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Dieser Artikel enthält Spoiler, die wesentliches über die Handlung verraten. Die Spoiler sind im Text als solche markiert und können vom Leser übersprungen werden, falls der Film noch nicht gesichtet wurde.

Ein wenig zwiegespalten war ich nach meiner ersten Sichtung von Kim Jee-woons A TALE OF TWO SISTERS schon. Generell schaue ich alles an, doch es gibt zwei Genres, denen kann ich wenig abgewinnen. Zum einen das Musical (Ausnahme sind hier Animationsfilme à la Disney), und zweitens der Horrorfilm. Es ist nicht so, dass ich keine Horrorfilme schaue. Im Gegenteil schätze ich einige Klassiker des Genres sehr hoch, z. B. Kubricks THE SHINING oder auch Polanskis ROSEMARY’S BABY. Die meisten Horrorfilme jedoch machen mich wenig an, und gerade die etwas neuere Horror-Schiene, die eher auf Gewaltvisualisierung und billige Schockelemente setzt als auf echten, langsam aufkommenden Horror, lässt mich ziemlich kalt. Da kostet es mich immer etwas Überwindung, mir einen Film dieser Gattung anzusehen. Doch Kim Jee-woon ist ein interessanter Filmemacher (THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD, I SAW THE DEVIL, A BITTERSWEET LIFE), und der erfolgreichste Horror-/Mysteryfilm Südkoreas ist dann doch ein Titel, der auf meiner Watchlist nicht fehlen durfte.

In A TALE OF TWO SISTERS geht es um die zwei Schwestern Soo-yeon (Moon Geun-young) und Soo-mi (Lim Su-jeong), die nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik wieder nach Hause kommen zu ihrem Vater und der Stiefmutter. Sehr schnell wird klar, dass zwischen den Kindern und der Stiefmutter (Yum Jung-ah) ein zutiefst verstörtes Verhältnis herrscht, und auch die Beziehung zum distanzierten und apathischen Vater (Kim Kap-su) ist alles andere als harmonisch. Zudem herrscht im alten Haus auch noch eine merkwürdige, drückende Atmosphäre, die den Schwestern zu schaffen macht. Sie alle haben eine Vorgeschichte, und es ist zu Beginn noch unklar, was genau vor sich geht. Und tatsächlich ist nicht alles so, wie es scheint.

A TALE OF TWO SISTERS

[SPOILER ANFANG]

Nachdem der Verdacht aufkommt, dass die Stiefmutter die jüngere Schwester Soo-yeon körperlich misshandelt, während Soo-mi zunehmend geisterhafte Erscheinungen im Haus wahrnimmt, platzt die erste große Bombe, als der Vater Soo-mi offenbart, dass die jüngere Schwester tot ist und Soo-mi offensichtlich Wahnvorstellungen hat. An dieser Stelle kam bei mir etwas Enttäuschung auf, denn dieses Thema wurde in den letzten Jahren doch schon etwas ausgelutscht. Doch als ich die neue Perspektive akzeptiert hatte, erkannte ich, dass der Film sehr raffiniert um diese Prämisse konstruiert wurde. Schlagartig kamen 1000 Fragen hinsichtlich der Logik des Films auf. Mit der letztlichen Auflösung der Geschichte, dass Soo-mi nicht nur die Schwester, sondern auch die Stiefmutter fantasiert, macht die Handlung wieder Sinn, abgerundet durch das tragische Ende mit dem Rückblick auf den Tod der Schwester und der Mutter.

Am Film missfielen mir einzelne Momente, in denen in zu klischeehafter Weise Schockelemente erzeugt wurden (die klassische Einzelnote auf dem Klavier oder einer Geige, das plötzliche Auftauchen eines Charakters oder einer Erscheinung im eben noch verdeckten Bild usw.) sowie auf dem ersten Blick die Idee mit der toten Schwester (die Prämisse “es ist alles nur in der Fantasie” führt oft zu billigen Erklärungen von komplizierten Abläufen).

[SPOILER ENDE]

A TALE OF TWO SISTERS

Gleichzeitig gefiel mir die Atmosphäre, vor allem die Kompositionen und das Spiel mit der Farbe im Haus. Hier ist dieses schleichende Horrorgefühl aufgekommen, das ich in dem Genre so oft vermisse. Der Film ist durchweg spannend und bietet zugleich zahlreiche Hinweise, die auf die Auflösung kommen lassen. Ich kam nicht drauf, doch ich merke bereits, dass eine weitere Sichtung reizvoll ist, allein um zu sehen, ob die Handlung unter dem neuen Gesichtspunkt wirklich schlüssig und logisch ist. Viele frühe Szenen des Films machen jedenfalls Sinn, wenn man die Auflösung kennt.

Kim Jee-woon ist ein vielseitiger Filmemacher, und auch wenn A TALE OF TWO SISTERS nicht mein Lieblingsfilm von ihm ist, ist Kim doch ein ausgesprochen guter, düsterer und rästselhafter Horrorfilm gelungen, der überwiegend in Richtung psychologischer Horror tendiert. Die schauspielerischen Leistungen vor allem Lim Su-yeongs (I’M A CYBORG, BUT THAT’S OK) und Yum Jung-ahs (WOOCHI) sind herausragend und mitreißend. Ich kann jedem Fan des Genres diesen Film empfehlen, aber auch Leuten wie mir, die nur selten Ausflüge in diese Gefilde unternehmen möchten.

JANGHWA, HONGRYEON [장화, 홍련] (A TALE OF TWO SISTERS)
Südkorea, 2003
Regie: Kim Jee-woon
Drehbuch: Kim Jee-woon
Kamera: Lee Mo-gae
Schnitt: Lee Hyeon-mi
115 min.

8/10

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