Der Artikel enthält leichte Spoiler.

Der angehende Broker Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) kann sich nicht an der Wall Street durchsetzen, nachdem ihm der große Börsencrash 1987 einen Strich durch die Rechnung macht. Stattdessen geht er nach Long Island, wo er sich durch fragwürdige Methoden mit der Zeit sein Imperium aufbaut, indem er Menschen Aktien andreht, deren Wert künstlich und fälschlich überbewertet wurden. Ein Leben im Dauerrausch (Geld, Drogen, Sex) beginnt, bis Belfort in den Neunzigern aufgrund von Geldwäsche und kriminellen Aktionen am Finanzmarkt ins Gefängnis gehen muss. Scorsese ist bekannt dafür, Lebensläufe mit kometenhaftem Aufstieg und anschließendem Absturz virtuos zu verfilmen. Damit reiht sich THE WOLF OF WALL STREET, eine Verfilmung der Autobiografie Jordan Belforts, hinter seinen anderen Filmen wie RAGING BULL, GOODFELLAS und CASINO ein. Die Kunst dabei ist, die Zuschauer für Figuren zu begeistern, die verabscheuungswürdig und zutiefst unsympathisch sind. Dies sind nicht die Helden, mit denen wir uns identifizieren wollen. Oft wird das für den Zuschauer zur Tortur, man denke etwa an THE KING OF COMEDY oder auch RAGING BULL. Doch eine Faszination geht von ihnen aus, während Scorsese sie in ihrem Umfeld beobachtet. Man ertappt sich hin und wieder dabei, leichte Sympathie oder Mitleid zu empfinden. Scorsese jedoch rüttelt den Zuschauer durch eine sehr gute Einstellung am Ende des Films wach, die den FBI Agenten nach der Verhaftung in der U-Bahn zeigt, und mit ihm all diese Leute, die von Verbrechern wie Belfort betrogen werden: die Mittel- und Unterschicht, Leute, die sowieso wenig Geld haben und um ihre Existenz kämpfen. Die Verlierer dieses kranken Systems. In dem Moment wissen wir, dass Belfort nicht hart genug bestraft wurde.
THE WOLF OF WALL STREET ist ein filmischer Exzess. Er behandelt das Sujet mit dessen Eigenschaften. Übertreibung (in jeder Hinsicht: die Partys, der Drogenkonsum, der Sex, die Laufzeit), Maßlosigkeit, Mangel jeglicher Moral, jeglichen Schamgefühls und Anstands. Gleichzeitig erschlägt er den Zuschauer in den Szenen in Belforts Firma mit der Masse und dem Chaos der schreienden Broker und der fliegenden Geldscheine. Uns fehlt die Verhältnismäßigkeit und das Verständnis für das, was da passiert, genauso wie wir (und oft selbst Experten) keine Ahnung haben, wie das Finanzsystem (oder dessen Krise) funktioniert. THE WOLF OF WALL STREET ist laut, dynamisch und hypnotisch. Die 180 Minuten vergehen wie im Flug. Und was bleibt am Ende übrig? Belfort macht nach einer kurzen Gefängnisstrafe sein Geld durch Seminare, in denen er Menschen beibringt, wie man etwas verkauft. Seine Opfer haben nichts von seiner Bestrafung (sicherlich wurden nicht alle entschädigt), das Finanzsystem bleibt das Gleiche, und an allen Ecken und Enden warten die nächsten Belforts darauf, sich eine goldene Nase auf Kosten anderer zu verdienen.

THE WOLF OF WALL STREET
Aus mehreren Gründen gefällt mir THE WOLF OF WALL STREET besonders gut. Ich habe mich entschieden, vier davon etwas auszuführen: (1) Scorseses Film hat sehr viel Humor. Ein gewisser Witz, selbst in den Gangstergeschichten, war schon immer in Scorseses Filmen (man denke z. B. an die Szene in GOODFELLAS, in welcher sich Pesci, De Niro und Liotta bei Pescis Mutter einfinden, etwas essen und Pesci ganz nebenher nach einem großen Messer fragt, was er sich ausleihen möchte – die drei haben eine Leiche im Kofferraum, die sie im Anschluss noch zerlegen und vergraben müssen). Doch THE WOLF OF WALL STREET ist über weite Strecken tatsächlich eine Komödie. Es ist vermutlich die einzige Methode gewesen, um das exzessive und abgrundtief verachtungswürdige Leben der Protagonisten zu zeigen, ohne den Zuschauer komplett zu verjagen. Ich musste an vielen Stellen schlicht auflachen, wie es nur wenige Komödien überhaupt bei mir schaffen. (2) Scorseses Einfallsreichtum und Verspieltheit bzgl. der Erzählform. Mal lässt er DiCaprio den Zuschauer direkt ansprechen, mal erweist er sich als unzuverlässiger Erzähler, indem wir die nächtliche Szene eines Drogentrips zunächst in seiner Zusammenfassung sehen, nur um später die wahren Begebenheiten zu erfahren. DiCaprios Lamborghini-Trip dürfte jetzt schon Kultstatus erreicht haben und mit Ewan McGregors Toilettengang aus TRAINSPOTTING konkurrieren, und auch der Flug in die Schweiz dürfte in Erinnerung bleiben. Scorsese spielt mit zahlreichen kleinen Ideen und Gags, die wunderbar funktionieren und voranpeitschen. (3) Die schauspielerischen Leistungen sind fabelhaft. Ist man von Leonardo DiCaprio nichts anderes gewohnt, begeistert er dennoch mit einem Kaleidoskop von Emotionen und Ausbrüchen. Scorsese lässt ihm vor allem in den Szenen sehr viel Zeit, in denen er gleich einem selbst ernannten Propheten seinen Jüngern predigt, die anschließend in religiöse Extase geraten. Eine der stärksten schauspielerischen Szenen ist der Dialog zwischen Belfort und dem FBI Agenten Denham (Kyle Chandler) auf Belforts Yacht. Hier versucht Belfort so vorsichtig wie möglich, und gleichzeitig auf ziemlich plumpe Weise, den FBI Mann zu bestechen. Das Minenspiel Chandlers auf der anderen Seite verrät zunächst nichts. Mal glaubt man, er versteht ihn nicht recht, dann könnte man meinen, dass er in Versuchung gerät, bis er schließlich sein Pokerface ablegt und Belfort in Rage bringt. Großartiger Kino-Moment. Doch besonders die weniger bekannten Nebendarsteller sorgen für großartige schauspielerische Momente und humoristische Einlagen. Eine Szene zwischen dem fantastischen Jonah Hill und Jon Bernthal ist ein typischer Scorsese-Moment, wie wir ihn von Joe Pesci und Robert De Niro kennen: der Streit um eine Nichtigkeit, die ewige Repetition und schließlich die Eskalation. Ich möchte nicht jeden Nebendarsteller einzeln behandeln, denn dann käme ich zu keinem Ende. Doch eine Überraschung für mich war der Auftritt Jean Dujardins (THE ARTIST) als Schweizer Banker und Geldwäscher. Ich wusste nicht, dass er im Film mitspielt und hatte meine helle Freude an ihm.

THE WOLF OF WALL STREET

(4) Die zahlreichen und expliziten Nacktszenen. Durch diese Masse an nackter Haut erreicht Scorsese eine absurde Normalität dieses außergewöhnlichen Lebensstils. Wenn zum x-ten Mal die Nutten durch das Broker-Büro stolzieren oder nackte Frauen vor den Männern auf ihren Partys herumhüpfen, ist der Punkt des erotischen Voyeurismus längst überschritten, und man bekommt ein Gespür für eines der großen Themen Scorseses: der Sucht, die zu solcher Sättigung und Maßlosigkeit führt. Gleichzeitig zeigen die Szenen zwischen DiCaprio und der Neuentdeckung Margot Robbie Sex als realistischen Akt. In Belforts Fall als kurz und für seine Frau unspektakulär und wahrscheinlich unbefriedigend. Für einen Mainstream-Film sind diese Szenen in Scorseses Film überraschend – doch glücklicherweise – explizit und zahlreich.

THE WOLF OF WALL STREET
Ist THE WOLF OF WALL STREET ein unmoralischer Film, der schlechte Menschen glorifiziert? Ganz sicher nicht (mal abgesehen davon, dass man weniger in moralischen/unmoralischen, sondern in guten/schlechten Film einteilen sollte). Wer dieser Meinung ist, hat Elementares nicht begriffen. Der Film mag auf dem ersten Blick keine moralische Botschaft haben (außer vielleicht die Einstellung in der U-Bahn), sondern scheint lediglich eine Milieustudie zu sein über die besonders hässliche Fratze der Nebenwirkungen des Kapitalismus. Scorsese zeigt uns zwar diese abscheulichen Personen in ihrem Habitat, er beobachtet ihre Machenschaften und zeigt uns diesen Schlag von Menschen auf intime Weise. Doch diese Menschen leben in unserer Welt. Wir sind es, die sie immer noch akzeptieren, die nichts daran ändern wollen (weil wir selbst reich sein wollen, das ist immerhin der American Dream). Wir sind deren Opfer, wollen uns aber nicht so sehen, weil wir die Möglichkeit sehen, selbst ans obere Ende der Nahrungskette zu kommen. Wollten wir wirklich etwas verändern, dann hätte es schon früh entsprechende Maßnahmen bzw. Reformen gegeben. Doch die Ereignisse von THE WOLF OF WALL STREET liegen fast zwei Jahrzehnte zurück (Oliver Stones WALL STREET spielte vor dem Crash von 1987), und angesichts der letzten großen Finanzkrise müssen wir eingestehen, dass Scorseses Film somit nicht nur die Geschichte dieser Verbrecher, sondern auch ein brandaktuelles Spiegelbild unserer materialistischen Gesellschaft ist. THE WOLF OF WALL STREET ist die äußerst gelungene fünfte Kollaboration zwischen Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio.

THE WOLF OF WALL STREET
USA 2013
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Terence Winter
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Thelma Schoonmaker
180 min.

9/10

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