Top 5 des Monats: September 2014

Veröffentlicht: 20. Oktober 2014 in top 5 of the month
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Es hat wieder eine Weile gedauert, bis ich meine fünf besten Sichtungen des letzten Monats zusammenstellen konnte. Doch nun ist es endlich geschafft und ich stelle fest: Wieder ähneln sie sich thematisch im breiteren Sinne, handelt es sich doch diesmal überwiegend um politische beziehungsweise historische Rekreationen vergangener Ereignisse. Ein Ziel konnte ich erreichen, denn nicht-englischsprachige Filme sind in dieser Liste wieder vertreten. Asiatische jedoch nicht. Das liegt daran, dass ich nur einen Film sichten konnte, von dem ich mir zwar einiges versprochen hatte, der mich jedoch ziemlich enttäuscht hat, nämlich Kim Jee-woons I SAW THE DEVIL (2010). Doch da ich inzwischen einige Klassiker vor allem des japanischen Kinos auf der Liste habe, bin ich optimistisch, dass in künftigen Listen wieder der ein oder andere Fernost-Tipp dabei sein wird. Hier sind jedenfalls die fünf besten Filme, die ich im September zum ersten Mal gesehen habe:

Meine Top 5 Filme im September 2014:

5. Platz: CARLOS (Frankreich, Deutschland 2010; Regie: Olivier Assayas)

CARLOS

Olivier Assayas‘ Episodenfilm erzählt in drei Teilen von insgesamt über fünf Stunden Länge über das turbulente Leben des berüchtigten Terroristen Illich Ramírez Sánchez, genannt „Carlos der Schakal“, der 1970 der PFLP beitrat und fortan für mehrere blutige Aktionen verantwortlich war. Nach einigen Bombenanschlägen machte er sich vor allem durch den Überfall auf das OPEC-Hauptquartier in Wien 1975 einen Namen. Gespielt wird Carlos von Édgar Ramírez (THE BOURNE ULTIMATUM, THE COUNSELOR), der ihm eine interessante, narzistische Persönlichkeit verleiht. Ich weiß über die wahre Person zu wenig, doch die Filmfigur wird für den Zuschauer auch interessant, wenn man die Frage stellt, für wen der sich als überzeugter Marxist-Leninist haltende Carlos eigentlich kämpft. Geht es um die Sache der Palästinenser oder eher um sein eigenes Ego und Prestige? CARLOS macht vor allem in den Szenen Spaß, die die verschiedenen Operationen nachstellen. Hier erinnert der Film stark an DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX. Problematisch ist die große Zeitspanne und der ständige Sprung der Locations, womit CARLOS vor allem gegen Ende des dritten Teils am meisten zu kämpfen hat. Hier springt Assaayas von historischer Fußnote zur Fußnote durch Raum und Zeit, bis es irgendwann einfach vorbei ist. Dennoch bleibt CARLOS ein spannendes Projekt und ein unterhaltsamer Film, in dem französisch, englisch, deutsch, spanisch, russisch und arabisch gesprochen wird. Und wer sich für die filmische Darstellung neuester Zeitgeschichte interessiert (und das immer unter Vorbehalt), der kommt ohnehin nicht um den Film herum.

4. Platz: ZWEI LEBEN (Deutschland, Norwegen 2012; Regie: Georg Maas, Judith Kaufmann)

ZWEI LEBEN

ZWEI LEBEN hat mir vor allem gefallen, weil der Film ein Kapitel deutscher Geschichte thematisiert, das mir so noch nicht bekannt war. Mein Interesse an Geschichte wird oft geweckt durch diverse Filme, und der Film von Georg Maas (NEUFUNDLAND) und Judith Kaufmann (bis dahin Kamerafrau, hier zum ersten Mal als Co-Regisseurin) tut genau das. Umso schwerer ist es für mich, über den Film zu schreiben, ohne zuviel über die Handlung zu verraten. Nur so viel: Katrine Myrdal (Juliane Köhler), die mit ihrem Ehemann, ihrer erwachsenen Tochter und ihrer Mutter (gespielt von Liv Ullman!) in Norwegen lebt, ist als junge Frau aus der DDR geflüchtet, um zu ihrer Mutter heimzukehren. Sie ist eines der Kriegskinder: Kinder von norwegischen Müttern und deutschen Besatzern, die in deutsche Kinderheime gesteckt wurden, um das arische Erbgut zu kultivieren. Mit dem verfrühten Abgang des tausendjährigen Reichs blieben die Kinder in den Kinderheimen. Nun ist die Mauer in Berlin gefallen, und ein deutscher Anwalt steht plötzlich vor der Tür Katrines, um sie zu bitten vor einer Anhörung auszusagen. Es geht um Entschädigungszahlungen. Katrine reagiert defensiv, vornehmlich, um ihre Mutter zu schonen und sie mit der ganzen Geschichte nicht von neuem zu belasten. Doch nach einigen Rückblicken in Katrines Vergangenheit merkt der Zuschauer, dass mehr hinter Katrines Geschichte steckt, als es zunächst den Anschein macht …

3. Platz: HUNGER (Großbritannien, Irland 2008; Regie: Steve McQueen)

HUNGER

Der erste Film, den ich von Steve McQueen gesehen habe, war SHAME. Ein fantastischer und deprimierender Film mit einem phänomenalen Michael Fassbender als Sexsüchtigen mit gemarterter Seele. Ich wusste sofort, dass ich seine anderen Filme auch sehen musste, doch es dauerte, bis ich den Schritt machen konnte, denn mir war bewusst, dass sein Debüt-Film HUNGER nicht minder schwere Kost sein würde. In HUNGER erzählt McQueen die Geschichte des IRA-Aktivisten Bobby Sands, erneut portraitiert von Michael Fassbender, der 1981 im nordirischen Maze-Gefängnis zum kollektiven Hungerstreik aufrief, um einerseits gegen die politische Entscheidung zu protestieren, dass IRA-Häftlingen der Status des „politischen Gefangenen“ 1976 entzogen wurde, und gleichzeitig gegen die allgemein menschenverachtende Behandlung im Gefängnis. McQueen geht ungemein subtil in seinem Film vor. Er erklärt keine historischen Zusammenhänge, er hält in den meisten Szenen den Dialog auf ein Minimum, wenn es ihn überhaupt gibt. Der Zuschauer bekommt durch eindrucksvolle, meist statische, Bilder einen ziemlich guten Eindruck davon, was im Gefängnis los ist und warum protestiert wird. Dabei haben Einstellungen wie eine Schneeflocke, die dem Gefängnisaufseher bei der Zigarettenpause im Hof auf dem aufgeschürften Knöchel landet, starke Symbolkraft. HUNGER hat keinen „starken Plot“ oder ist sonstwie eine Erzählung, sondern eher das Zusehen des körperlichen Verfalls von Bobby Sand. Hier schonen McQueen und Fassbender die Zuschauer bewusst nicht. Detailaufnahmen der blutigen Druckstellen, die eingefallene Bauchhöhle, Knochen, die sich an fast jeder Stelle von Fassbenders Körper abzeichnen dokumentieren den Weg in den Tod. Bobby Sands starb nach 66 Tagen im Alter von 27 Jahren. Er war der erste in einer Kette von Streikenden. Nach neun weiteren Toten wurde der Streik beendet. In der Folgezeit wurden die meisten Forderungen der Streikenden erfüllt, bis auf die Wiedereinführung des Status als politische Gefangene. Ein großartiger, künstlerisch anspruchsvoller Film, ein starkes Debüt von Steve McQueen und ein weiterer Beleg für das Talent von Michael Fassbender.

2. Platz: 12 YEARS A SLAVE (USA, Großbritannien 2013; Regie: Steve McQueen)

12 YEARS A SLAVE

Nachdem ich also SHAME und HUNGER gesehen hatte, konnte ich mich an McQueens neuesten Film machen, der die wahre Geschichte von Solomon Northup erzählt, der 1841 als freier Schwarzer nach Washington, D.C. gelockt und entführt wurde, um fortan zwölf Jahre lang unter verschiedenen Besitzern in Louisianna als Sklave sein Dasein zu fristen, bis er schließlich mit der Hilfe eines Kanadiers seine Kontakte aus der Heimat über sein Schicksal informieren und befreit werden konnte. In seinem ganzen Ausmaß und verglichen mit seinen beiden anderen Filmen, ist 12 YEARS A SLAVE geradezu episch. Doch McQueens Film verkommt zum Glück nicht zum Historienschinken, sondern konzentriert sich auf die Geschichte Northups (gespielt von Chiwetel Ejiofor) und vor allem dessen Kontakt mit zahlreichen und unterschiedlichen Charakteren. Da wäre zum einen sein erster Besitzer Ford (Benedict Cumberbatch), der offensichtlich ein Philantrop ist und Sympathie für Northup empfindet. Genau das Gegenteil erfährt er bei seinem zweiten Besitzer, dem Bibel-zitierenden Trinker Epps (Michael Fassbender), dessen Umgang mit den Sklaven eine Mischung aus Sadismus, unterdrückten Gefühlen (Probleme mit seiner Ehefrau, Begierde nach einer jungen Sklavin) und im Falle Northups latente Minderwertigkeitskomplexe sind. Es ist nicht einfach, die Geschichte eines Menschen Revue passieren zu lassen, dem so viel Ungerechtigkeit widerfahren ist. 12 YEARS A SLAVE ist ein überaus gelungener Film über Amerikas dunkle Vergangenheit, und ich frage mich, ob Tarantino, der die meisten Filme, die das Thema behandelt haben, negativ bewertet hat, mit McQueens Film eher d’accord geht.

1. Platz: FIVE BROKEN CAMERAS (Palästina, Israel, Frankreich, Niederlande 2011; Regie: Emad Burnat, Guy Davidi)

FIVE BROKEN CAMERAS

FIVE BROKEN CAMERAS ist einer dieser Filme, die man gesehen haben muss, um als Außenstehender einen Eindruck des Alltags in den besetzten palästinensischen Gebieten zu erhalten. Der Palästinenser Emad Burnat drehte in einem Zeitraum von mehreren Jahren und unter dem Verschleiß zahlreicher Videokameras einen eindringlichen und persönlichen Dokumentarfilm über sein Leben als Familienvater und Bewohner des Dorfs Bil’in in der Westbank. Seiner eigenen Aussage nach begann er mit den Aufnahmen, um seinen Schmerz zu verarbeiten. Er filmt das Leben in Bil’in, die Feste und Feiern, die Leute, aber auch den immer näher rückenden Zaun der israelischen Siedlung, die stetig wächst und immer mehr Land der Bewohner schluckt. Irgendwann beginnen die organisierten Proteste gegen den Zaun und gegen die Siedlung. Und Burnat ist mit seiner Kamera immer dabei. Ein abstruses Ritual läuft ab jetzt ab, dessen Muster stets das gleiche ist: Demonstranten streifen durch das Dorf, machen Lärm und Musik, sammeln sich am Zaun, um lautstark zu protestieren. Das israelische Militär rückt heran und schaut eine Weile zu, bis es eingreift. Burnat filmt, wie aus nächster Nähe Tränengas auf die Demonstranten geschossen wird. Demonstranten, die sich wohlgemerkt gewaltlos verhalten. Immer wieder werden Menschen verletzt, manchmal solidarische Israelis oder gar Ausländer, manchmal Kinder. Leute werden willkürlich abgeführt und inhaftiert. Die kommen irgendwann wieder frei. Was mit ihnen passiert ist, ist nicht Teil dieser Geschichte. Meistens kommen Burnats Kameras bei diesen Demonstrationen zu Bruch. Einmal rettet die Kamera ihm das Leben, weil eine Gewehrpatrone in seiner Kamera stecken bleibt anstatt in seinem Kopf. Denn es wird auch scharf geschossen, und dabei sterben Menschen. FIVE BROKEN CAMERAS wäre nicht halb so gut, wenn es lediglich eine wütende Anklage der israelischen Politik in den besetzten Gebieten wäre. Stattdessen ist die große Stärke des Films, der eine Zusammenarbeit Burnats mit dem israelischen Filmemacher Guy Davidi ist, sein starker Humanismus und die Liebe, die Burnat mit seiner monotonen Stimme ausdrückt. Diese tiefe Menschlichkeit äußert sich am eindringlichsten durch Burnats jüngsten Sohn, dessen Leben der Vater seit der Geburt auf Video aufzeichnet. Hier wächst ein Kind auf, und wir können zusehen, wie die Augen des anfänglichen Säuglings mit zunehmendem Alter die Welt und die Realität wahrnehmen und einordnen. Der Junge ist ca. vier Jahre alt, als er seinen Vater vor laufender Kamera ganz beiläufig, während der Vater am Auto werkelt fragt: „Papa, warum nimmst du nicht ein Messer und tötest den Soldaten?“ Dass ein kleines Kind überhaupt auf so einen Gedanken kommen kann, schockiert zunächst, doch es ist nur zu verständlich. Der Junge kann nicht begreifen, warum der Liebling aller Kinder aus Bil’in niedergeschossen wurde. Niemand, der vernünftig ist und sich weigert, Menschenleben mit zweierlei Maß zu messen, kann das.

Kommentare
  1. Mir persönlich sagten HUNGER und 12 YEARS nicht so zu, gerade Letzteren empfand ich zu sehr als Oscar Bait. Aber es freut mich, dass 5 BROKEN CAMERAS in der Liste auftaucht (und sie sogar anführt).

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