FOLLOWING

Veröffentlicht: 7. November 2014 in reviews
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Der erfolglose Schriftsteller „Bill“ (Jeremy Theobald) entscheidet sich irgendwann aus purer Langeweile, willkürlich ausgewählten Leuten auf der Straße zu folgen. Daraus entwickelt sich ein faszinierendes Spiel, bis er eines Tages auf diese Weise den Einbrecher Cobb (Alex Haw) trifft. Fortan dringen sie gemeinsam in fremde Wohnungen ein und stehlen Kleinigkeiten wie CDs und den ein oder anderen Gegenstand. Den wahren Kick holen sie sich jedoch, indem sie in Erfahrung bringen, was für Menschen in den jeweiligen Wohnungen leben, denn: „Everyone has a box.“ Damit bezieht sich Cobb auf Schachteln oder Kisten, in denen fast jeder persönliche Erinnerungsstücke aufbewahrt. Bill fühlt sich bald von einer Frau angezogen, in deren Wohnung er und Cobb gewesen sind. Er nimmt den Kontakt zu ihr auf und eine Affäre entsteht. Noch ahnt er nicht, in welchen Schlamassel er geraten wird …

FOLLOWING ist der erste Spielfilm von Christopher Nolan (MEMENTO, THE DARK KNIGHT, INCEPTION) aus dem Jahr 1998, der Elemente des klassischen film noir enthält: gedreht in schwarzweiß, eine Erzählerstimme (Bill wird von der Polizei verhört), die femme fatale etc. Dabei ist der Film in erster Linie interessant aufgrund seiner Form. Die gesamte Handlung ist in drei große Segmente aufgeteilt, die von einem kleinen vierten Teil ergänzt werden, der in der Gegenwart spielt (das Polizeiverhör). Die drei Hauptsegmente überschneiden sich und werden von Nolan durch schwarze Zwischenframes getrennt, um den Zuschauer die Orientierung zu ermöglichen. Als weitere Orientierung dient Bills äußeres Erscheinungsbild. Im am weitesten in der Vergangenheit liegenden Teil trägt er mittellange Haare und einen Bart. Das ist die Zeit, in der er Cobb kennenlernt und sie mit den Einbrüchen beginnen. Im zweiten Segment ist er rasiert und hat einen Kurzhaarschnitt. Hier lernt er die Blondine (Lucy Russell) kennen. Im letzten Teil ist sein Gesicht gezeichnet von Schlägen, die er sich eingefangen hat (womit auch im Stile des film noirs die Zukunft vorweggenommen wird). Dies ist der letzte Akt, der schließlich zur ersten Auflösung der Geschichte und zu seiner Verhaftung führt.

Christopher Nolan, der sein Interesse an komplexen Verflechtungen der Narration in seinen Filmen immer weiter ausgearbeitet hat (Die Batman-Trilogie sei hier außen vor gelassen), zeigte bereits in seinem ersten Film, was der Schwerpunkt seines filmischen Schaffens sein würde. Er ist weniger interessiert an tiefgründigerer Charakterzeichnung, stattdessen an der formalen Struktur seines konstruierten Puzzles. Die Low-Budget-Produktion gelang ihm in genau dieser Hinsicht. Das ständige Wechselspiel zwischen den Zeiten macht den Zuschauer einerseits neugierig auf die zukünftigen Ereignisse, bzw. auf zurückliegende Szenen, die erklären, wie es zu den anderen Segmenten kommen konnte. Gleichzeitig baut es eine unruhige Spannung auf. Der ultimative Voyeurismus, das Eindringen in die Wohnung einer fremden Person und das damit verbundene Risiko, erwischt zu werden, wird durch die zukünftigen Segmente unterstrichen, die Zeigen, dass Probleme auftreten werden. Dass Bill hereingelegt wird, erfährt man relativ schnell – interessant ist vielmehr, wie er in die Falle tappt, und wann ihm das dämmert.

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Nolan hat sich in Hollywood mittlerweile als Innovator von Erzählstrukturen auf der Makroebene des Mainstream-Films etabliert. Es ist interessant zu sehen, dass er bereits zu Beginn seiner Karriere Interesse an diesen Konzepten hatte und sie auch in zunehmend großen Hollywood-Produktionen durchsetzen kann. War FOLLOWING lediglich eine Fingerübung in fragmentierter Narration, so nutzte er dieses Konzept in seinem zweiten Film MEMENTO (2000) bereits als Ausdrucksform der Orientierungslosigkeit des Erzählers. MEMENTO wird vor- und rückwärts erzählt, da die Hauptfigur keine neuen Erinnerungen speichern kann. In THE PRESTIGE (2006) ist die Struktur ähnlich komplex. Mehrere Handlungsstränge in verschiedenen Zeiten werden parallel erzählt, um das Verwirrspiel und das Mysterium der zwei konkurrierenden Magier zu veranschaulichen. Mit INCEPTION (2010) folgte Nolan diesem Konzept in logischer Konsequenz.

Eine weitere faszinierende Feststellung ist die Tatsache, dass sich neben Nolan einige Kollegen seiner Zunft als erste Arbeit den neo noir gewählt haben, ob das nun Paul Thomas Anderson mit SYDNEY (1996), Quentin Tarantino mit RESERVOIR DOGS (1992) oder Darren Aronofsky mit PI (1998) waren.

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UK 1998
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christpher Nolan
Kamera: Christopher Nolan
Schnitt: Gareth Heal, Christopher Nolan
69 min.

7/10

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