INTERSTELALRDie Erde liegt im Sterben, die Nahrungsmittel werden immer knapper. Eine Gruppe Forscher wird zusammen mit dem Piloten und Ingenieur Cooper (Matthew McConaughey) auf eine Reise durch ein Wurmloch geschickt, um in einer fernen unbekannten Galaxie nach einer neuen Welt zu suchen, die der Menschheit als neue Heimat dienen und sie damit retten könnte. INTERSTELLAR ist der neueste Film des Erfolgsregisseurs Christopher Nolan (MEMENTO, THE DARK KNIGHT, INCEPTION) und ein ambitioniertes SF-Spektakel.

Nach der ersten Sichtung habe ich mich entschieden, in erster Linie meine emotionale Reaktion auf den Film zu besprechen und auf den Inhalt zu verzichten, um Spoiler zu vermeiden (auf strukturelle Details gehe ich auch noch nicht intensiv ein, da hierzu die erste Sichtung noch nicht ausreicht. Das werde ich vermutlich an anderer Stelle ausführlich tun). Mein Gesamteindruck ist positiv, doch es dauerte eine Weile, bis es dazu kam. Die Einführung erschien mir zu lang. Vielleicht war das so, weil ich nicht mit diesem Setting gerechnet hatte (ich wusste nichts über den Film). Daher dachte ich eine ziemlich lange Zeit, dass mir der Film nicht gefallen würde. Sobald aber Cooper die Erde verlässt, fing die Geschichte an, mich stärker zu interessieren. Kurz darauf kommt der erste Moment, in dem mich die Geschichte von INTERSTELLAR emotional gepackt hat. Nolan trumpft mit zunehmender Laufzeit auf, gerade das letzte Drittel ist spektakulär. Auch wenn ich schon relativ früh im Film ahnte, wie die Auflösung wohl sein würde, tat das meiner Freude am Film keinen Abbruch.

Folgende Probleme erkenne ich nach der ersten Sichtung: Der Einführungsteil auf der Erde erscheint mir viel zu lang (ein Kritikpunkt, der mich normalerweise immer stört, wenn ich ihn höre oder lese, ist: „Der Film war zu lang, man hätte ihn kürzer schneiden müssen.“ Meist ist das eine inhaltslose Phrase (ähnlich wie „Tolle Bilder!“), denn die Frage ist stets, was genau man kürzen kann und was nötig ist. Frei nach Mozart in Milos Formans AMADEUS: „Welche Noten soll ich denn rausnehmen?“ Daher liegt in meinem Satz die Betonung auf „erscheint mir zu lang“, denn ich möchte mir erst noch Gedanken darüber machen, ob und wie eine kürzere Einführung möglich wäre). Vielleicht war dieser erste Akt nötig, um eine ausreichende Basis für die Auflösung der Geschichte zu haben. Fakt ist jedoch, dass er mir nicht besonders gut gefallen hat, und das gewisse Handlungsabläufe in dieser Einführung für mich fragwürdig sind und manche gar überflüssig zu sein scheinen. Der Expositionsteil in der Einführung auf der Erde zieht sich zu sehr, bleibt zwischen den Charakteren ziemlich oberflächlich (dafür, dass wir es hier mit Fachleuten zu tun haben), und ist beispielsweise nicht so unterhaltsam wie das „Tutorial“ in INCEPTION. Da der Einführungsteil einen großen Teil der Laufzeit (von insgesamt 169 Minuten) einnimmt, bedeutet das einen ziemlichen Abstrich. Dafür wurde ich mit dem Rest des Films gut entschädigt. Hier lautet mein vorläufiges Fazit: Verglichen mit den zahlreichen SF-Blockbustern, die in den letzten Jahren auf die Leinwand kamen und überwiegend enttäuscht haben (Ausnahme: GRAVITY), kann ich INTERSTELLAR zu den positiven Erfahrungen des Genres zählen.

INTERSTELLAR

Über weite Teile der Geschichte fühlte ich mich an die Romane Arthur C. Clarkes erinnert (Rendevous with Rama lässt grüßen, aber auch die Odysseey-Romane) – was vermutlich mit ein Grund für mein positives Erlebnis war. Viele visuelle Umsetzungen erscheinen mir weiterhin gelungener und phantasievoller als z. B. in der Batman-Trilogie oder jüngst in INCEPTION (vergleiche die etwas öde Schneefestung oder die monotonen Hochhäuser des Limbus in INCEPTION mit den besuchten Welten und vor allem dem letzten Akt in INTERSTELLAR). Vielleicht profitierte Nolan hier auch von dem frischen Blut im Kameradepartment in Person von Hoyte Van Hoytema (TINKER TAILOR SOLDIER SPY), der Nolans Langzeit-Kollaborateur Wally Pfister ersetzte (damit dieser seinen ersten Film als Regisseur drehen konnte). Gleichzeitig fiel mir auf, dass Nolan häufiger totalere Einstellungen gewählt hat, und diese auch länger stehen als in seinen bisherigen Filmen (das häufige Verwenden von kurzen One-Shots wurde oft an Nolans bisheriger Regie-Arbeit kritisiert). In dieser Hinsicht ist INTERSTELLAR eine Weiterentwicklung für den Regisseur. Doch Nolans Faible für das Puzzle (das Drehbuch stammt wieder von Nolan und dessen Bruder Jonathan) und die Parallelmontage wird natürlich auch in INTERSTELLAR ausgelebt und weiterentwickelt. Ich würde so weit gehen und sagen, dass INTERSTELLAR das Makro-Gegenstück zu INCEPTION ist. Der humanistische Aspekt des Films gefiel mir ebenfalls, vor allem das Thema um die Figur Coopers, der die gigantische Distanz zu seinen Kindern um alles in der Welt überwinden möchte. Dieses Thema, die Liebe zwischen Vater und Tochter und die Sehnsucht nach Wiedervereinigung ist für den Film essentiell. Insgesamt ist INTERSTELLAR für Nolan-Verhältnisse ein sehr warmer und an manchen Stellen humorvoller Film (sowohl in den Dialogen als auch in den 2001-Anspielungen durch den Roboter TARS, gesprochen von Bill Irwin), mit einem überzeugenden und harmonischen Cast (es spielen u. a. Anne Hathaway, David Gyasi, Wes Bentley, Michael Caine und Jessica Chastain mit). Außerdem übt der Soundtrack von Hans Zimmer einen ganz eigenen Reiz aus, der viele Szenen gewohnt bombastisch gewichtet, doch auch vor allem durch das prägnante Orgel-Thema zu überzeugen weiß. Vielleicht äußern sich ja musiktheoretisch versiertere Blog-Kollegen noch zu den Klängen des Films …

Ich werde meine Gedanken noch eine Weile sortieren müssen und brauche vermutlich eine weitere Sichtung, um näher auf die Struktur von INTERSTELLAR eingehen zu können. Doch nach dem enttäuschenden THE DARK KNIGHT RISES bin ich froh, wieder den Nolan gesehen zu haben, den ich schätze.

INTERSTELLAR
USA 2014
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan & Christopher Nolan
Kamera: Hoyte Van Hoytema
Schnitt: Lee Smith
169 min.

8/10

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Kommentare
  1. ob und wie eine kürzere Einführung möglich wäre

    Der Film beginnt in der NASA-Station, McConaughey ist bereits im Space-Anzug, neben ihm schreitet Michael Caine. Ein Dialog zwischen beiden etabliert, dass McConaughey raus ins All muss, einen neuen Planeten suchen, der Weizen auf der Erde ist kaputt, der Sauerstoff geht aus, alle sterben, wenn es keinen neuen Planeten gibt. „Denk an deine Kinder, deren Zukunft“, sagt Michael Caine. McConaughey nickt, steigt ins Raumschiff, drin ist schon Anne Hathaway. Caine verabschiedet sich von seiner Tochter, wünscht der Gruppe viel Glück. Ab geht’s.

    Laufzeit: 5 Minuten.

    So einfach geht Kino🙂

    Ich selbst fand den Film wie schon TDKR und Inception ziemlich grottig, die Exposition ist in der Tat viel zu lang. Was kann man rausnehmen? Eigentlich alles davon meiner Ansicht nach. Im Gegensatz zur Story im All ist der Anfang aber zumindest originell. Beginnt die All-Mission, reihen sich plötzlich 0815-Genreelemente aneinander und das, was passiert, macht unter logischen Gesichtspunkten wenig Sinn. Über das Ende hüllt man besser den Deckmantel des Schweigens. Nolan und ich – das wird nichts mehr.

    • indy sagt:

      Ich bezweifle, dass der von dir vorgeschlagene Anfang funktionieren würde. Damit würde kaum die persönliche Motivation etabliert, die Cooper für den Rest der Geschichte treibt. Denn es geht ihm ja nicht ausschließlich um die Rettung der Menschheit. Ganz so einfach geht Kino auch nicht, hehe!😉

      Dass du und Nolan keine Freunde mehr werdet, ist ja schon relativ lange klar. Ich bin überrascht, dass du dir den Film überhaupt angesehen hast, angesichts deiner Meinung über ihn.

      • Naja, wenn die Menschheit stirbt, sterben seine Kinder auch und die sind ja seine Motivation. Beziehungsweise die Tochter, mit dem Sohn scheint er wenig anfangen zu können.

        Hab den Film angesehen, da ich Astrophysik spannend finde und Filme, die im All spielen. Hatte gedacht, vielleicht erzählt Nolan angesichts all der Geheimnistuerei eine originelle Geschichte. Dass es am Ende 0815-Kost würde, hat mich dann so sehr überrascht wie es mich infolgedessen enttäuscht hat. Nun ist er eben endgültig unten durch bei mir🙂

        • glazerfazer sagt:

          Das ist keinesfalls 0815-Kost, das ist so ziemlich einer der genialsten Filme die existieren. Ich kenne mich auch sehr gut mit den Themenbereichen im Film aus und alle Theorien im Film stammen von führenden Wissenschaftlern dieses Gebietes mit denen Nolan für den Film zusammenarbeitete. Und ich weiss nicht so recht, aber siehst du keinen Unterschied wenn du einen 0815- SciFi- Film anschaust und dann Interstellar?? Da ist sehr wohl ein Unterschied zu erkennen, auch wenn der Film jetz nicht dein Geschmack ist.

  2. mjaeger85 sagt:

    Hey Indy,

    tolles Review. Wie kann man denn mit dir Kontakt aufnehmen?🙂

  3. Daniel sagt:

    Mich würde interessieren ob Du dir den Film denn auch noch einmal angeschaut hast und noch was für Dich entdecken konntest?

    • indy sagt:

      Hallo Daniel! Ich habe den Film bisher nur zwei Mal gesehen. Nach der zweiten Sichtung habe ich meinen anderen Artikel verfasst, der sich mit INTERSTELLAR als SF-Vertreter befasst. Ich habe den Film schon eine ganze Weile als Blu Ray hier rumliegen und auch vor, ihn bald mal wieder zu schauen – mal sehen, wie er dann auf mich wirkt!😉

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