Top 5 des Monats: Oktober 2014

Veröffentlicht: 7. November 2014 in top 5 of the month
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Im Oktober habe ich mal wieder meine „List of Shame“ abgearbeitet und dabei einige sehr gute Filme sichten dürfen. Die daraus entstandene Auswahl ist eine Topempfehlung an alle Filmfans und Cineasten. Der europäische Film ist am dominantesten vertreten, aber auch ein besonderer Film aus Fernost ist in der Liste:

Meine Top 5 Filme im Oktober 2014:

5. Platz: ACCATTONE (Italien 1961, Regie: Pier Paolo Pasolini)

ACCATTONE

Der fünte Platz war ein harter Zweikampf zwischen ACCATTONE und Luchino Viscontis ROCCO E I SUOI FRATELLI (1960). Letztlich haben es nur Nuancen ausgemacht. Vor allem zog ich die Bodenständigkeit von ACCATTONE der Theatralik von Viscontis Film letztlich etwas vor. ACCATTONE ist der erste Spielfilm von Pier Paolo Pasolini und ein wichtiger Vertreter des italienischen Neorealismus. „Accattone“ lebt in einer Vorstadt Roms und vertreibt sich die Zeit meist mit Nichtstun. Frau und Kind hat er zurückgelassen, für Arbeit fühlt er sich wie seine Freunde nicht geschaffen. Das bisschen Geld, das er verdient, bekommt er durch Maddalena, die er auf den Strich schickt. Doch als diese im Gefängnis landet, bleibt er völlig mittellos und ausgehungert. Als er die naive Stella kennenlernt, ergibt sich ihm eine neue Chance. Pasolinis Film besticht in erster Linie durch seinen kompromislosen Realismus. Vor allem der Kampf gegen den Hunger und die Hinterhältigkeit Accattones sind Höhepunkte des Films. Die Darsteller sind allesamt Laien aus der Gegend, und vor allem Franco Citti in der Rolle des Protagonisten war ein Glücksgriff. Wie auch immer einem der Film in Erinnerung bleibt, die Figur des „Accattone“ vergisst man ganz sicher nicht.

4. Platz: MARȚI, DUPĂ CRĂCIUN (TUESDAY AFTER CHRISTMAS) (Rumänien 2010, Regie: Radu Muntean)

MARTI, DUPA CRACIUN

Ein faszinierender Film aus Rumänien, das seit den 2000ern eine ganze Reihe wertvoller Filme hervorgebracht hat, die von einigen Kritikern bereits als rumänische Nouvelle Vague bezeichnet werden. Diese Filme zeichnen sich in erster Linie durch Realismus und Minimalismus aus. MARȚI, DUPĂ CRĂCIUN ist ein gutes Beispiel dieses Konzepts. Der Mittvierziger Paul Haganu (Mimi Brănescu) gehört der Mittelschicht an, ist verheiratet und hat eine Tochter. Seit einigen Monaten hat er eine Affäre mit Raluca (Maria Popistașu). Nachdem er feststellen musste, dass es ihm mit seiner Geliebten ernst ist, muss er schließlich seiner Ehefrau (Mirela Oprișor) die neue Situation beichten. Die Inszenierung dieses Dramas ist interessant. Paul ist in quasi jeder Einstellung zu sehen. Wir beobachten die ganze Geschichte aus seine Perspektive, doch ist die Kamera stets distanziert genug wie ein neutraler Beobachter. In überwiegend totalen und langen Einstellungen fühlt sich der Zuschauer wie ein Voyeur, der mit seiner Kamera im Privatleben fremder und ganz gewöhnlicher Leute eindringt. Die Interaktion zwischen den Darstellern ist phänomenal und trägt durch ihren Realismus zum genannten Gefühl des Voyeurismus bei. Die letztlich größte Stärke des Films ist, dass Regisseur Radu Muntean keinen moralischen Stempel aufdrückt. Niemand wird gut oder schlecht gemacht. Der Familienvater, der aufgrund seiner Affäre seine alte Familie zerstört, tut das nicht aus Bosheit und ist auch kein schlechter Mensch, dem die Familie egal ist. Dinge passieren nun mal, und im Falle Paul Haganus ist es passiert. Weder Raluca, noch Paul, noch dessen Frau können etwas dafür.

3. Platz: BIRUMA NO TATEGOTO [ビルマの竪琴] (THE BURMESE HARP) (Japan 1956, Regie: Kon Ichikawa)

THE BURMESE HARP

Dieser japanische Klassiker von Kon Ichikawa geht das Thema Krieg auf humanistische und meditative Weise an. Der Schauplatz ist Burma kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine japanische Einheit, ausgezehrt und ermattet von den Kriegsjahren, gerät in britische Gefangenschaft. Der zuvor von seiner Truppe getrennte Mizushima (Shôji Yasui) jedoch wird mit mit der ganzen Sinnlosigkeit des Krieges nochmals konfrontiert, was in ihn schließlich die Entscheidung stärkt, dem Leben in seiner ehemaligen Einheit abzusagen und fortan als buddhistischer Mönch durch die Landschaft zu ziehen, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Kommunikation im Film findet überwiegend musikalisch statt, sogar zwischen den anfangs verfeindeten Parteien – ein schönes Symbol um zu zeigen, dass alle Menschen im Innersten gleich sind. Definitiv ein Film, den man gesehen haben sollte.

2. Platz: LA RÈGLE DU JEU (Frankreich 1939, Regie: Jean Renoir)

LA REGLE DU JEU

Dieser Film wird oft in einem Atemzug mit Orson Welles‘ CITIZEN KANE (1941) genannt und ist seit Jahrzehnten auf beinahe jeder Top-10-Liste zu finden. Und tatsächlich ist Jean Renoirs LA RÈGLE DU JEU, zum damaligen Zeitpunkt der teuerste französische Film, ein Leckerbissen für jeden Cineasten. Gedreht quasi am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, liefert Renoir ein als komödiantisches Lustspiel getarntes Sittenbild der französischen Aristokratie und ihrer absoluten Gleichgültigkeit gegenüber der Außenwelt. Fantastisch ist der Film nicht nur aufgrund seiner Charaktere und deren fabelhaften Dialogen (Renoir spielt selbst eine der Figuren), sondern vor allem aufgrund des technischen Aspekts. Die Kamera ist quasi ständig in Bewegung (dies in Zeiten, als es noch keine Steadicam gab), es wurden wie in CITIZEN KANE Objektive mit großer Tiefenschärfe gewählt, so dass meistens nicht nur die Elemente im Vordergrund, sondern das gesamte Bild scharf ist. Dadurch agieren alle Schauspieler ständig, auch wenn sie nicht im „Fokus“ sind, was man jeder Szene ansieht. LA RÈGLE DU JEU ist witzig, frisch und unglaublich gut gealtert angesichts des Produktionsjahres (1939). Eigentlich hätte der Film genauso gut auf dem ersten Platz meiner Auswahl landen können. Denn beide Filme sind sich ebenbürtig. Ich musste mich schließlich irgendwie entscheiden, daher nur der zweite Platz für Renoirs Meisterwerk.

1. Platz: LA DOLCE VITA (Italien 1960, Regie: Federico Fellini)

LA DOLCE VITA

Den ersten Platz belegt ein weiteres Meisterwerk, Fellinis LA DOLCE VITA. Ähnlich wie LA RÈGLE DU JEU ist LA DOLCE VITA ein Film, den man öfter sehen kann und muss, und der in der Wahrnehmung wächst. In seiner Filmographie markiert LA DOLCE VITA möglicherweise den Übergang von Fellinis bisherigen neorealistischen Filmen zu seinen Traumphantasien. LA DOLCE VITA könnte man auch zusammen mit 8 1/2 (1963) als Doppelwerk betrachten. In beiden Filmen Fellinis ist die Hauptfigur (beide Male gespielt von Marcello Mastroiani) orientierungslos und auf der Suche nach etwas: Sei es der persönliche Sinn des Lebens, sei es die künstlerische Ausdrucksform. In LA DOLCE VITA spielt Mastroiani einen Klatsch-Journalisten, der sich stets in Kreisen von Alt-Stars und Aristokraten bewegt und am Leben der Hight Society teilnimmt, einerseits auf der Suche nach einer utopischen Liebe, die er natürlich nie finden kann, andererseits davor zurückschreckend, sich an seine ihn liebende Freundin zu binden – aus Angst, etwas im Leben zu verpassen. Er weiß, dass seine Artikel Müll sind und wäre gerne ein anerkannter Schriftsteller. Deshalb beneidet er seinen gebildeten Freund und Familienvater Steiner, der scheinbar alles hat, was er gerne hätte. LA DOLCE VITA ist in Episoden aufgeteilt, die viel Symbolkraft haben und meist durch die Dämmerung voneinander getrennt werden. Viele Episoden wirken traumhaft und surreal, manche bizarr und komisch. Die Unfähigkeit zu wahrer zwischenmenschlicher Kommunikation wird an mehreren Stellen thematisiert, während gleichzeitig eine Gesellschaft im Zerfall porträtiert wird. Allein durch seinen symmetrischen Aufbau und seine Symbolik ist LA DOLCE VITA ein Film, der beim Zuschauer Denkprozesse auslöst und zu weiteren Sichtungen einlädt. Ich merkte nach meiner ersten Sichtung, als ich noch unsicher war, ob oder warum mir der Film überhaupt gefallen hat, ziemlich schnell, dass dieser Film ähnlich wie LA RÈGLE DU JEU im Kopf des Zuschauers reift. Zweifellos ein großartiger, extravaganter Film des italienischen Meisters, der übrigens den Begriff des „Paparazzo“ (eine Figur im Film) geprägt hat.

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