Top 5 des Monats: Februar/März 2015

Veröffentlicht: 19. Juni 2015 in top 5 of the month
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Was ist los Indy, keine Postings, keine Tweets? Es tut mir Leid, dass ich mich lange nicht melden konnte, vor allem da doch einige Leser aktiv den Blog verfolgen, und ich durch Benachrichtigungen und Kommentare auch immer wieder daran erinnert werde. Allerdings war meine Zeit tatsächlich sehr eingeschränkt verfügbar zum Filmeschauen (unser zweites Kind ist zur Welt gekommen), und so habe ich mich entschieden, für den Februar und den März eine kombinierte Liste zu veröffentlichen, ebenso für den April/Mai (in einem separaten Artikel). Mit dem Ranking habe ich mich etwas schwer getan, daher bitte ich die Platzierungen nicht zu genau zu nehmen! Ich hoffe, dass ich in Zukunft zumindest meine Top 5 Artikel wieder regelmäßig veröffentlichen kann, und auch die ein oder andere ausführlichere Review wäre schön (ich habe ein paar vorbereitet, die ich hoffentlich bald finalisieren kann). Viel Spaß mit meinen Filmtipps:

Meine Top 5 Filme im Februar/März 2015:

5. Platz: A MOST WANTED MAN (Großbritannien, USA, Deutschland 2014; Regie: Anton Corbijn)

A MOST WANTED MAN

Ich stehe ja sehr auf Spionage-Filme (wie so soft interessieren mich im künsterischen Bereich Themen, die ich in der Realität eher verabscheue), und vor allem auf die Bücher von John Le Carré. Dessen ungemein authentischen Romane wurden schon so oft und erfolgreich verfilmt (z. B. THE CONSTANT GARDENER, TINKER TAILER SOLDIER SPY), und auch wenn mir sein Roman A Most Wanted Man (2008) im Vergleich zu den anderen Werken weniger gut gefallen hat, war ich auf die Verfilmung von Anton Corbijn (THE AMERICAN) sehr gespannt. Ich wurde nicht enttäuscht, denn A MOST WANTED MAN bietet genau das, was ich von einem Le Carré Stoff erwarte: authentische Charaktere, realistischer Plot, minutiöse Details bei der Vorbereitung von Operationen. Dabei liegt der Schwerpunkt genau in dieser Arbeit, und nicht in effektbeladenen Shootout-Szenen. A MOST WANTED MAN wird nicht jedem gefallen, da besagte Action nicht vorhanden ist. Die Faszination liegt darin, den Charakteren bei ihrer Arbeit zuzusehen (ein wichtiger Punkt, der Michael Manns Filme auch so einzigartig macht). Und ob die Operation angesichts so vieler Variablen am Ende so abläuft wie geplant, ist stets die Frage. A MOST WANTED MAN spielt in der Post-9/11-Terrorpanik in Hamburg und hat auch einen teilweise deutschen Cast (u. a. Nina Hoss, Daniel Brühl, Rainer Bock), wobei Schauspieler-Schwergewicht Philip Seymour Hoffman (der hier in seinem letzten Film zu sehen ist, ehe er viel zu früh verstarb) eindeutig Dreh- und Angelpunkt des Films ist und wie immer ein Lehrstück seines Könnens liefert.

4. Platz: LA GRANDE ILLUSION (Frankreich 1937, Regie: Jean Renoir)

LA GRANDE ILLUSION

Nachdem mich das Meisterwerk LA RÈGLE DU JEU (1939) von Jean Renoir so begeistert hatte, war es höchste Zeit, mit seinen weiteren Filmen fortzufahren. LA GRANDE ILLUSION spielt während des Ersten Weltkriegs. Eine Gruppe französischer Offiziere gerät in Gefangenschaft und wird in ein deutsches Gefangenenlager gebracht. Dort versuchen sie sofort, ihren Ausbruch in die Wege zu leiten. Interessant ist Renoirs Film nicht nur wegen des ihm eigenen Humors und der Leichtigkeit, mit der die Geschichte erzählt wird, sondern auch aufgrund der gesellschaftlichen Themen, die angestrichen werden, etwa der Niedergang des (französischen) Adels bzw. der Illusion einer noblen Schicht, die Geschicke Europas vernünftig und wie Gentlemen regeln zu können, ohne zu realisieren, dass dieser Krieg die alte Weltordnung endgültig beenden wird; aber natürlich auch die absolute Sinnlosigkeit des Krieges, die z. B. durch die Zeitungsberichte über die ständigen Besitzerwechsel von Douomont verdeutlicht wird. Ironisch ist auch, dass es den Gefangenen in den Lagern offensichtlich besser geht als an der Front, doch der Ausbruch selbst ist eine Angelegenheit, die überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Man tut eben je nach Situation das, was ansteht. Wenn man an der Front ist, kämpft man; wenn man in einem Gefängnis sitzt, bricht man aus.

3. Platz: CITIZENFOUR (USA 2014, Regie: Laura Poitras)

CITIZENFOUR

Die wahrscheinlich größte Bombe, die in den letzten Jahren bis Jahrzehnten geplatzt ist, sind die Leaks durch den Ex-NSA-Angestellten Edward Snowden. Das Ausmaß und die Dreistigkeit der Geheimdienste bei der Sammlung von Massendaten über alles und jeden, egal ob Freund oder Feind, ob In- oder Ausländer, Alliierter oder Feind, privat oder industriell, sind so enorm, dass uns die Bedeutung dessen im Zuge der Masse an Informationen, die Snowden unter Lebensgefahr an die Öffentlichkeit brachte (und via Glenn Greenwald noch immer bringt), schnell aus dem Sinn gerät. Jeder neue Leak, der eine weitere Ausweitung des Skandals offenbart, wird wie mir scheint meist nur noch schulterzuckend hingenommen. Ach, in die Hersteller von Simkarten haben sie sich auch gehackt, um sämtliche Chiffrierungen beim Handyverkehr der Menschen umgehen zu können? Kleine Randnotiz in der ZEIT, nicht weiter erwähnenswert. Während Snowden von amerikanischer Regierungsseite und von Seiten der Fahnenschwenker, die sich Patrioten nennen, als Verräter und Krimineller gebrandmarkt wird, stellt Snowden für mich nur eines dar: den Prototypen eines modernen Helden, jemand, der sein eigenes Wohl und das seiner Familie aufs Spiel setzt, um aus altruistischen und idealistischen Motiven die Bevölkerung über Untaten zu informieren, die kleine mächtige Kasten hinter dem Rücken des Souveräns ausüben. CITIZENFOUR, der Dokumentarfilm von Laura Poitras, ist nicht einfach eine rekonstruierende Dokumentation über die Geschehnisse, sondern von Anfang an mitten drin, denn Snowden kontaktierte sie und Ex-Guardian-Journalist Glenn Greenwald, um seine wertvollen Informationen weiterzugeben. So zeigt uns dieser Film informativ nichts neues, doch die Faszination besteht eher darin zu sehen, wie sich hier drei, vier Leute in einem Hotelzimmer treffen, kennenlernen und etwas auslösen, dessen Ausmaß sie sich womöglich noch nicht ganz bewusst sind. Dabei ist die Paranoia gleich im Spiel. Das überraschende Telefonklingeln bringt alle zum Schweigen und aus dem Konzept; ein plötzlicher Feueralarm macht den Whistleblower und seine Komplizen nervös. Die Heimlichkeit hat irgendwann ihr Ende, als Snowdens Standort bekannt wird, das Telefon dauerklingelt und die Nachrichtensender mit der Berichterstattung beginnen. CITIZENFOUR ist ein Film, den man sich allein deswegen ansehen sollte, um den Mut dieser Menschen zu honorieren. Noch wichtiger wäre es allerdings, die ständig neuen Informationen Snowdens nicht mehr resignierend oder hinnehmend abzutun, sondern gesellschaftlich aufzuschreien.

2. Platz: GONE GIRL (USA 2014, Regie: David Fincher)

GONE GIRL

Nach dem unnötigen THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO (2011) brilliert David Fincher (FIGHT CLUB, ZODIAC) erneut mit einem Thriller, der ganz seine Stärken hervortut. GONE GIRL, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Gillian Flynn, handelt von dem plötzlichen Verschwinden einer Frau. Ihr Mann meldet sie als vermisst, doch er selbst gerät ins Visier der Ermittler. An sich kein origineller Plot, doch die Struktur gibt dem Ganzen seinen Reiz. Denn während wir als Zuschauer versuchen, herauszufinden, was genau geschehen ist, beginnt sich die Erzählstruktur zu verkomplizieren. Handlungsstränge laufen parallel, zeitversetzt oder gleichzeitig, und setzen so das Puzzle Stück um Stück zusammen. Das Casting von Ben Affleck, dessen Freund ich wahrlich nicht bin (den Regisseur Affleck ausgenommen) erweist sich für diese Geschichte als perfekte Wahl. Er ist von Anfang an eher unsympathisch, sowohl für den Zuschauer, als auch für die Polizei und die Allgemeinheit. Sein dümmliches Grinsen, das er in früheren Filmen ständig an den Tag legte, bringt er in GONE GIRL in nur einer einzigen Szene: als ein Foto gemacht werden soll, wo er vor einer Menschenmenge appelliert, alles zu tun, um seine Frau zu finden. Dieses Grinsen bestätigt dem Mob nur, dass er Dreck am Stecken hat. Den Roman habe ich noch nicht gelesen, werde das aber hoffentlich bald nachholen, denn es interessiert mich zu sehen, inwieweit sich die Erzählstrukturen ähneln oder unterscheiden. Jedenfalls ist Finchers neuester Thriller ein großer Wurf und folgt der Tradition seiner anderen Werke wie ZODIAC, THE GAME oder SE7EN.

1. Platz: LA BÊTE HUMAINE (Frankreich 1938, Regie: Jean Renoir)

LA BÊTE HUMAINE

Dieser andere Klassiker Jean Renoirs ist ein weiteres Exempel für die Ausnahmeerscheinung Renoir. Wohingegen LA RÈGLE DU JEU und LA GRANDE ILLUSION eher mit Leichtigkeit und Witz gesellschaftliche Themen behandeln, ist LA BÊTE HUMAINE, wennauch der ein oder andere heitere Moment existiert, von einer dunklen Schwere beladen, die perfekt die Gefühls- und Gedankenwelt des Protagonisten (großartig gespielt von Jean Gabin) widergibt. LA BÊTE HUMAINE, zu deutsch „Bestie Mensch“, spielt so viele Themen ansatzweise und subtil an, manche auch schockierend direkt, dass man den Film im Anschluss rekapitulieren muss um sich dessen vollständig bewusst zu werden. Depression, Kindesmissbrauch, (vererbter) Alkoholismus, sexuelle und physische Gewalt, das harte Leben der Arbeiterklasse (symbolisiert durch die Kohlegeschwärzten Zugführer und ihre Arbeit) als Kontrast zur Adelsschicht in seinen anderen Filmen – all diese Themen werden in einem Film von 1938 (!) angesprochen, und sie gehen unter die Haut, vor allem, wenn man die Gesichtsausdrücke Gabins studiert. Die Zugaufnahmen (allein die Introsequenz ist kaum zu übertreffen und schlägt so ziemlich jeden CGI-Blockbuster um Längen) kann man nur als spektakulär bezeichnen und ich könnte mir vorstellen, dass ein Paul Thomas Anderson bei seiner Arbeit an THERE WILL BE BLOOD nicht nur bei John Huston abgeschaut hat. Rückwirkendenden Historismus zu betreiben, ist selbstverständlich ein Denkfehler, doch die Schwere von LA BÊTE HUMAINE angesichts seines Erscheinens kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist auch von bemerkenstwertem Symbolismus.

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