AMERICAN SNIPER

Veröffentlicht: 8. Juli 2015 in reviews
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AMERICAN SNIPER ist der erste Film von Clint Eastwood, den ich regelrecht hasse. Die dafür verhältnismäßig hohe Wertung von 5 Punkten liegt daran, dass es filmtechnisch wenig auszusetzen gibt, bis auf ein paar Ausnahmen. Bei diesem Film sollte man zwischen zwei Kategorien von Problemen trennen. Die eine ist die echte Person Chris Kyle, dem mittlerweile verstorbenen Scharfschützen der Navy SEALs, dessen Buch American Sniper (2012) bzw. dessen Leben hier verfilmt wurde. Die zweite Kategorie sind die Probleme, die aus dem Film selbst resultieren.

Chris Kyle war, bemessen an dem, was ich über ihn gelesen habe, alles andere als ein Held. Er protzte mit seinen Abschüssen, sie machten ihm Spaß und er nannte seine Ziele „Wilde“. Er wünschte sich, sie würden den Koran in der Hand halten, wenn er auf sie schoss. In seinem Buch behauptete er weiterhin, im Post-Katrina Chaos in den USA Plünderer gezielt getötet zu haben, was die lokale Presse als absurd deklarierte. Er behauptete auch, den ehemaligen Gouverneur, Schauspieler und Wrestler Jesse Ventura (PREDATOR) verprügelt zu haben, weil der die USA beleidigt hätte. Ventura verklagte Kyle und gewann, da an den Behauptungen nichts dran war. Alles in allem nicht gerade die Qualitäten, die man bei einem Helden vermuten würde, sondern eher bei einer Person, die man als unzuverlässigen Erzähler, Lügner und möglicherweise gefährlich einstufen muss. Doch das ist einfach nur der echte Chris Kyle. Wir sind es gewohnt, dass Filme, die auf wahren Begebenheiten basieren, von den Ereignissen abweichen und dramaturgische Änderungen machen. Die Frage ist jedoch immer, was der Zweck des Ganzen ist (was bezweckt der Filmemacher), und wo die Grenze liegt. In meiner Kurzbeschreibung zu CAPTAIN PHILLIPS (2013, Paul Greengrass) erwähnte ich, dass der Film trotz der mutmaßlichen Abweichungen und falschen Darstellung der Hauptfigur dennoch ein herausragender Thriller ist. Was also ist bei AMERICAN SNIPER anders?

AMERICAN SNIPER

Der Film selbst sorgt für Probleme: Wie schon erwähnt, hat die Filmfigur mit der realen Person wenig am Hut. Der von Bradley Cooper (SILVER LININGS PLAYBOOK, THE HANGOVER) gespielte Kyle ist der klassische stereotype geplagte Soldat. Der Soldat, der mit einer Träne in den Augen seine Waffe abfeuert (ein Bild, wie es in Israel immer gerne präsentiert wird). Er zögert beim Schießen, obwohl der echte Kyle gar nicht genug davon kriegen konnte. Ein zweiter fataler Fehler ist die absurde Verbindung von 9/11 mit der Invasion des Iraks. Dies geschieht mittels eines direkten Schnitts, der zeigen soll, dass Kyle deswegen in den Krieg zieht und für die gerechte Sache kämpft. Damit wird ein illegaler Krieg legitimiert, und der Hauptcharakter wird zum moralischen Helden, der das Gute repräsentiert. Hier liegt der Unterschied zu CAPTAIN PHILLIPS und zahlreichen anderen Filmen, die auf „wahren Begebenheiten“ basieren: Wenn man als Filmemacher beispielsweise die Geschichte von leidenden Kriegsveteranen (PTBS, Invalidität) erzählen möchte, kann man die Politik aus der Sache raushalten und sich auf den Kern konzentrieren (z. B. THE MEN, 1950, Fred Zinnemann). Wenn man jedoch politisch wird, sollte man es zumindest richtig machen (z. B. dass nicht die bösen Iraker Schuld an der Misere der Veteranen tragen, sondern die Politiker, die die Soldaten überhaupt in solche Kriege schicken), ansonsten handelt es sich lediglich um Propaganda und Legitimierung von Untaten. Clint Eastwood ist bekannt für seine anti-interventionistische Einstellung (er war gegen die Kriege in Korea, Vietnam, Afghanistan und Irak). Auch wenn man ihn eher dem konservativen Lager zuordnet, ist Eastwood alles andere als ein Hardcore-Republikaner. Umso mehr verwundert es, dass er diese Einstellung nicht in den Film einbringt, wenn er schon politisch wird, sondern stattdessen den Rücken von kriegstreibenden Politikern stärkt.

Ich glaube fest, dass Eastwoods Intentionen ehrenhaft und ehrlich waren. Ich glaube, er wollte einen Film über die Auswirkungen von Krieg auf Soldaten, vor allem, wenn sie wieder heimkehren, drehen. Doch dabei fällte er reihenweise falsche Entscheidungen. Er wählte das Leben einer fragwürdigen Person aus und glorifizierte dieses, indem er die meisten negativen Aspekte allein die Person betreffend ausließ. Er stellte die amerikanischen Soldaten quasi ausnahmslos als die Guten dar, die im Irak quasi ausnahmslos mit Bösen zu tun haben. Die „Bösen“ wiederum wurden verteufelt (indem sie etwa bestialische Methoden anwenden, z. B. Kinder mit Bohrmaschinen töten und Arme amputieren), wohingegen amerikanische Kriegsverbrechen unerwähnt blieben. Aus „Mustafa“, der in Kyles Buch wohl nur einen Abschnitt ziert, wurde im Film der ständig präsente Antagonist, ein syrischer Scharfschütze und olympischer Medaillengewinner – erneut, um Kyle als Figur moralisch zu legitimieren und einen echten Bösewicht als „Endboss“ zu haben. Dass hierbei faktische Fehler gemacht wurden, etwa, dass Mustafa an verschiedenen Schauplätzen für verschiedene (verfeindete) Parteien agiert, sei hier nur am Rande erwähnt. Dies sind bewusste filmische (dramaturgische) Entscheidungen, die weit mehr sind als freie Änderungen gewisser tatsächlicher Ereignisse. Sie sind manipulativ und führen zu Schlüssen, die man nur als „falsch“ deklarieren kann, wenn man nicht gerade der Fox-News-Propaganda verfallen ist (Details über die Fehler in diesem Alternet-Artikel bzw. in diesem Youtube-Video).

AMERICAN SNIPER

Clint Eastwood hat bereits bewiesen, dass er das Thema Krieg und dessen Folgen gut auf die Leinwand bringen kann, etwa in LETTERS FROM IWO JIMA (2006) und im erweiterten Sinn auch in GRAN TORINO (2008). Mit AMERICAN SNIPER hat er beinahe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Was auch immer seine Absichten waren, mögen sie auch gutgemeint gewesen sein, AMERICAN SNIPER wird jetzt in erster Linie den Amerikanern gefallen, die Wut im Bauch verspüren, die eine Rechtfertigung suchen und eine Bestätigung für die Sinnhaftigkeit des „War on Terror“ und für die unzähligen Veteranen, die an PTBS leiden und nicht mehr in der zivilen Gesellschaft klarkommen. Und die schlichte Mehrheit unter ihnen wird leider falsche Schlüsse ziehen und an die Richtigkeit der politischen Aussagen und Aktionen der Vergangenheit und Gegenwart glauben. Allein deswegen hätte Eastwood die Politik raushalten sollen, und sich auf die Veteranen konzentieren müssen. Oder es gleich richtig machen. Der einzige wirklich positive Aspekt, den ich dem Film entnehmen kann, ist die schauspielerische Leistung Coopers, der tatsächlich in der Rolle aufgeht und mit Spiel und Physis überzeugt. Zum Glück agiert er auch immer wieder als Unsympath. Die Spannung jedoch war für mich in den Kriegsszenen kaum vorhanden, zu sehr widert mich die Person Chris Kyle an, der sich selbst im Interview mit Conan O’Brien als Affe mit einem Gewehr bezeichnete.

AMERICAN SNIPER
USA 2014
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Jason Hall
Kamera: Tom Stern
Schnitt: Joel Cox, Gary Roach
133 min.

5/10

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Kommentare
  1. Veli sagt:

    Danke dir viel mal für dieses Review. Du spricht mir grösstenteils aus der Seele…
    Nachdem ich mir den Film angetan habe, schmiss ich alle DVD’s und BluRay’s die etwas mit Bradley Cooper oder Clint Eastwood zu tun hatten in den Müll.
    Beide haben sich für die Kriegspropaganda der USA verkauft.
    Filmemacher und Akteure die mit so etwas zu haben sind in meiner Sammlung unerwünscht.

    • indy sagt:

      Ganz so drastisch sehe ich das nicht, immerhin hat jeder ne Chance verdient. Und angesichts der grandiosen Filmographie Eastwoods würde ich nicht so weit gehen, und alles verwerfen, was er bisher getan hat!

  2. budgues sagt:

    Sehr guter Artikel. Ich habe den Film erst vorgestern geschaut.

    Obwohl ich sagen muss, dass ich nicht so empfindlich bin, was die patriotistischen und hetzerischen Aspekte eines Films angeht, so ist selbst mir dieser Fakt übel aufgestoßen.

    Du weißt ja, dass ich solche Filme immer aus einer anderen Perspektive betrachte, nämlich wie ich mich in der jeweiligen Situation fühlen und verhalten würde und inwiefern die gezeigten Szenen realistisch sind oder nicht. Was das angeht, so muss ich sagen – wie Du auch schon geschrieben hast – dass der Film gut umgesetzt ist.
    Dabei muss man aber alle umgebenden Fakten ausblenden, um dieses „reine“ Bild zu bekommen. Zum Beispiel kannte ich nur die grobe Hintergrundgeschichte von Kyle, und wusste nicht, dass er so ein Arrogantarsch war. Das trübt das Bild natürlich immens. Und ich würde auch sagen, dass die Wahl des Schauspielers diesen negativen Background abschwächt, da ich Cooper bisher als den eher zurückhaltenden und sympathischen Schauspieler gesehen habe.

    Ich denke aber auch, dass man bei diesem Genre aus den USA selten einen objektiven Film finden wird, da sie großteils immer ziemlich auf Patriotismus aufbauen, und auch nur von denen durchschaut werden oder denjenigen eine andere Perspektive bieten, die sich auch damit beschäftigen. Für alle anderen ist es stets eine Hommage auf die ach so große amerikanische Allmacht, sei es „Homeland“, „Der Soldat James Ryan“, oder „Band of Brothers“, die ich alle für großartige Produktionen halte (aus filmtechnischer Hinsicht), die aber bei näherer Betrachtung kaum bis gar nicht auf die Perspektive der „anderen Seite“ eingehen, und wenn, dann diese nur als – wie Du gesagt hast – die „Bösen“ hinstellt. Schade.

    Was mich brennend interessiert, und was ich mir auch in den nächsten Tagen mal anschauen werde, ist „Fury“, da der Film vor allem aus den oben genannten, von mir verfolgten Aspekten der Realitätsnähe ziemlich zerrissen wurde (auch von WG😉 ). Muss mal schauen, ob Du den hier auch schon rezensiert hast.

    Sehr gute Arbeit hier!🙂

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