Top 5 des Monats: Juni 2015

Veröffentlicht: 10. Juli 2015 in top 5 of the month
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Im Juni bin ich bis auf wenige Ausnahmen in die düstersten Kapitel der Neuzeit gereist und habe einige Filme gesichtet, die in den diversen Kriegen des 20. Jahrhunderts spielen. Die daraus resultierende Auswahl ist ein Querschnitt dieses Ausflugs und meine stellt meine Top 5 Filmtipps des letzten Monats dar – alles andere als feel good movies, dafür gut:

Meine Top 5 Filme im Juni 2015:

5. Platz: GALLIPOLI (Australien 1981, Regie: Peter Weir)

GALLIPOLI

Was wir Europäer vielleicht immer wieder gerne vergessen: Auch der Erste Weltkrieg war in der Tat ein „Welt-„Krieg. In GALLIPOLI wird die Beteiligung Australiens behandelt, das auf Seiten der Entente-Mächte auf der türkischen Halbinsel Gallipoli an einem fatalen Angriff beteiligt war, der als Startpunkt für die Eroberung Konstantinopels dienen sollte. Die Angreifer wurden von den Osmanen jedoch abgewehrt und erlitten massive Verluste. Peter Weir (MASTER AND COMMANDER, DEAD POETS SOCIETY) drehte 1981 dieses kleine und bescheidene Juwel mit Mark Lee und einem gerade Mal 25-jährigen Mel Gibson in den Hauptrollen als naive Abenteurer, die in den Krieg ziehen, ohne die leiseste Ahnung dessen zu haben, was ihnen bevorsteht. Der Film überzeugt einerseits durch seine Leichtigkeit trotz der schweren Thematik, den gewissen Humor, und vor allem durch das fantastische Ende. Einzig allein der sporadisch aufkommende Synthie-Score schlägt mit einem argen anachronistischen Hammer zu.

4. Platz: BLACKHAT (USA 2015, Regie: Michael Mann)

BLACKHAT

BLACKHAT ist der Exot der aktuellen Auswahl, da er kein Kriegsfilm ist (wobei der Cyberwar ein wenig in die Richtung geht). Doch Michael Manns Film, den ich im Kino leider verpasst habe, musste ich sofort sichten, nachdem er in der Videothek gelandet war. Als großer Verehrer seines Stils hatte ich mich sehr auf diesen Crime-Thriller gefreut, der an mehreren Schauplätzen der Welt spielt, u. a. in Hongkong. Ein Virus hat einen Atomreaktor in China zum Schmelzen gebracht und gleichzeitig auch einen misslungenen Angriff auf eine amerikanische Einrichtung versucht. Aus diesem Grund kooperieren die amerikanische und chinesische Regierung bei der Suche nach dem Täter. Dabei benötigen sie die Hilfe eines Hackers, der jedoch im Gefängnis sitzt. Für diesen Auftrag wird ein Deal vereinbart und er kommt auf freien Fuß. Denn Nick Hathaway (Chris Hemsworth) ist nicht nur Hacker, sondern ursprünglicher Autor des Virus-Codes. Michael Manns Filme sind nach seinen großen Hits in den 90ern (HEAT, THE INSIDER) zunehmend stilistischer und spezieller geworden, und inszwischen kann man bei ihm schon gar nicht mehr von Mainstream reden. Das dürfte auch ein Grund sein, warum so viele Leute von BLACKHAT enttäuscht sind. Der Film erfüllt nicht die Erwartungen, die man an einen herkömmlichen Blockbuster hat. Stattdessen fährt Mann weiter konsequent seine mood film Schiene, reduziert und stilisiert. In vielen Szenen arbeitet er ohne Dialoge und nur noch mit, ich nenne es mal in Anlehnung an Ton und Musik, „Gefühlsteppichen“. Das ist zweifellos nicht jedermanns Sache, meine ist es jedenfalls, und ich werde den Film noch einige Male sehen müssen, ehe ich ausführlicher über ihn schreiben kann. Jedenfalls ist BLACKHAT ein harter Cyber-Crime-Thriller mit den mitunter besten (Hollywood-)Kampfszenen, die ich seit langem gesehen habe. Dazu die unnachahmliche Handschrift von Michael Mann, und für mich führt kein Weg mehr vorbei.

3. Platz: JOHN RABE (Frankreich, China, Deutschland 2009; Regie: Florian Gallenberger)

JOHN RABE

Über das Massaker von Nanking (oder Nanjing) wusste ich bis vor kurzem quasi nichts. Der erste Film, den ich darüber gesehen hatte, war Zhang Yimous THE FLOWERS OF WAR (2011), doch erst durch drei Filme, die ich im Juni sehen konnte, habe ich dieses schwarze Kapitel Asiens endlich in seinem ganzen Ausmaß wahrgenommen. Das wochenlange Massaker begann im Dezember 1937, als die Japaner die damalige chinesische Hauptstadt Nanking besetzt hatten. Die folgenden Greueltaten kann jeder selbst nachlesen. Sie involvieren Massenexekutionen, Massenvergewaltigungen, Folter, Verstümmelungen und Mord der bestialischsten Sorte. Ich habe recherchiert, weil ich erstens Bescheid wissen wollte und zweitens sichergehen wollte, dass die bisherigen Spielfilme, die ich gesehen hatte, nicht etwa Übertreibungen waren oder gar Richtung Propaganda gingen (Warum ist das wichtig? Siehe meine Review zu AMERICAN SNIPER). Nachdem ich nun viel über diese Ereignisse gelesen habe, kann ich eines versichern: Sämtliche Filme, darunter JOHN RABE von Florian Gallenberger, untertreiben die Monstrositäten und halten sich in der Zurschaustellung eher zurück (siehe auch die nächst genannten Filme). John Rabe war ein Manager bei Siemens, der in Nanking eine Fabrik leitete, und entsprechend seiner Position Mitglied der NSDAP war. Zusammen mit anderen Ausländern organisierte er nach Ausbruch der Gewalttaten die Aufstellung einer „Neutralen Zone“, in der Flüchtlinge aufgenommen wurden, um sie vor den Japanern zu retten. Rabe leitete diese Zone zusammen mit dem amerikanischen Chirugen Bob Wilson (hier gespielt von Steve Buscemi) und der Missionarin Minnie Vautrin (die im Film mit der fiktiven Valérie Dupres vertauscht und von Anne Consigny gespielt wird). Für die Chinesen Nankings ist John Rabe mittlerweile ein Heiliger, der eine ähnliche Stellung hat wie Oskar Schindler. Rabe, der idealistische Nazi, wollte die Greueltaten dokumentieren und sie seinem Führer präsentieren, damit der etwas dagegen unternähme. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Rabe jedoch in Gewahrsam genommen und musste sein restliches Leben in Armut fristen – immerhin war das japanische Kaiserreich Teil der Achse. Doch er hatte unzählige Chinesen vor dem sicheren Tod bewahrt. Ulrich Tukur (DAS LEBEN DER ANDEREN, DAS WEISSE BAND) portraitiert einen absolut glaubwürdigen Charakter in einer Situation, in der alles aus den Fugen gerät. Ich kann JOHN RABE nur weiterempfehlen.

2. Platz: NANKING (USA 2007, Regie: Bill Guttentag, Dan Sturman)

NANKING

Diesen Dokumentarfilm von Bill Guttentag und Dan Sturman habe ich im Anschluss an alle Spielfilme gesehen. Er rekapituliert die Ereignisse rund um das Massaker von Nanking durch Erstquellen: Tagebucheinträge der Beteiligten sowie Augenzeugenberichte. Die verschiedenen Personen werden von mehreren Schauspielern als Erzähler vertreten, so spricht etwa Woody Harelson (NATURAL BORN KILLERS) für den Chirurgen Bob Wilson und Jürgen Prochnow (DAS BOOT) für John Rabe. Den einzigen Abstrich, den ich bei dieser Doku mache, ist die Entscheidung, die Sprecher so prominent in Szene zu setzen. Sie werden oft im Close-up gezeigt und sprechen direkt in die Kamera, dadurch drängt sich mir zu sehr die Person des jeweiligen Schauspielers auf. Ich hätte sie im Off gelassen, um sie nur zu hören. Inhaltlich geht NANKING unter die Haut, vor allem die Augenzeugenberichte von alten Menschen, die zum damaligen Zeitpunkt blutjung oder gar noch Kinder waren, lassen selbst den Abgebrütetsten nicht kalt. Wenn ein alter Mann unter Tränen berichtet, wie seine Mutter vor seinen Augen mit dem Baby auf dem Arm von Bajonetten niedergestochen wird und daraufhin weiter versucht, ihr Kind zu stillen, fehlen einem die Worte. Sehr unter die Haut gehen auch Aufnahmen von uralten Japanern, die von ihren Taten teilweise apathisch, teilweise sogar mit einem Funken von Stolz, berichten. Es sind solche Momente, in denen man an der Menschheit nur noch zweifeln kann. NANKING sollte man gesehen haben, einfach nur um die Zeugen von damals sprechen zu lassen und so etwas nie zu vergessen.

1. Platz: NANJING! NANJING! (CITY OF LIFE AND DEATH) (China, Hongkong 2009; Regie: Lu Chuan)

CITY OF LIFE AND DEATH

Auf dem ersten Platz möchte ich Lu Chuans CITY OF LIFE AND DEATH setzen. Einerseits stellt der Film die Ereignisse dar, und so brutal und graumsam viele Szenen auch sein mögen, sind sie in ihrer Darstellung, wie ich anfänglich schrieb, harmlos im Vergleich zum realen Ausmaß, oder deuten dieses nur dezent und subtil an. Dies ist eine richtige Entscheidung gewesen, da der Film sonst möglicherweise in die Richtung des torture porn gedriftet wäre, was der Sache nur schaden würde. Die Darstellung des John Rabe (John Paisley) ist hier weniger gelungen als im oben genannten JOHN RABE, allerdins ist von asiatischen Filmen ja bekannt, dass Westler meist schlecht bzw. von schlechten Darstellern portraitiert werden. Zusätzlich zu der wahrheitstreuen Darstellung des Massakers glänzt CITY OF LIFE AND DEATH aber auch durch eine wunderschöne Photographie (Kamera Cao Yu), die ganz in Schwarz-Weiß gehalten wird. Dieser Film gehört auf jede Liste, die sich mit dem Monstrum Krieg befasst.

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