OASIS

Veröffentlicht: 20. Juli 2015 in reviews
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Diese Review enthält leichte Spoiler.

Hong Jong-du (Sol Kyung-gu) kommt aus dem Gefängnis frei und muss erst mal herausfinden, wo seine Familie jetzt lebt. Denn die ist umgezogen, ohne es für nötig zu erachten, ihn darüber zu informieren. Jong-du, der wie ein Autist gesellschaftliche Konventionen nicht wahrzunehmen scheint, landet kurzerhand wieder auf der Polizeiwache, wo er schließlich von seinem jüngsten Bruder abgeholt wird. Seine Familie gibt ihm schnell zu verstehen, dass er nicht wirklich willkommen ist, dass man ohne ihn besser fährt. Sein älterer Bruder Jong-il (Ahn Nae-sang) besorgt ihm einen Job als Essenslieferant, den er ziemlich schnell verbockt. Jong-du ist unberechenbar, unangenehm, stellt unpassende Fragen und merkt nicht, wenn andere Menschen irritiert auf ihn reagieren oder sich belästigt fühlen.

Ob er geistig ein wenig zurück ist oder einfach ein hoffnungsloser Taugenichts, das bleibt dem Zuschauer überlassen. Im Gefängnis war er, weil er aus Versehen einen Mann umgefahren und Fahrerflucht begangen hatte. Jetzt setzt er sich in den Kopf, die Familie des Mannes zu besuchen, mit einem Früchtekorb unter dem Arm. Empfangen wird er von dessen Sohn und Schwiegertochter, die seine Geste verständlicherweise alles andere als positiv aufnehmen. Doch bei dieser Begegnung entdeckt Jong-du auch die körperlich schwer behinderte Gong-ju (Moon So-ri), die von dem Bruder offenbar alleine gelassen wird, da er in eine andere Wohnung zieht. Um Gong-ju kümmern sich in erster Linie die Nachbarn, die von ihrem Bruder dafür Geld bekommen. Jong-du ist fasziniert von Gong-ju, er bringt ihr zu einem späteren Zeitpunkt einen Blumenstrauß, muss aber draußen bleiben. Einige Zeit später nutzt er den Moment, als sie sich alleine in der Wohnung befindet. Daraufhin betritt er die Wohnung erneut, und es kommt zu einer versuchten Vergewaltigung. Jong-du sucht das Weite, doch kurz darauf überrascht Gong-ju ihn mit einem Telefonanruf und lädt ihn ein. Sie möchte wissen, warum er ihr Blumen geschenkt hatte. Es beginnt eine unerwartete Freundschaft am Rande der Gesellschaft.

OASIS

Lee Chang-dongs dritter Film nach GREEN FISH (1997) und PEPPERMINT CANDY (1999) befasst sich erneut mit der südkoreanischen Gesellschaft, einerseits hinsichtlich des Umgangs mit behinderten Menschen, und zum anderen mit dem Zerfall der Familie. So unsympathisch und unberechenbar Jong-du auch sein mag, das Verhalten seiner Familienmitglieder, besonders des älteren Bruders, steht ihm in Nichts nach. Sollte Jong-du tatsächlich eine leichte geistige Behinderung haben, so wäre dieses Verhalten noch unverzeihlicher. Genauso kann man den Umgang von Han Sang-shik (Son Byung-ho) mit seiner an Cerebralparese leidenen Schwester anprangern. Sie wird in ihrer kleinen Wohnung abgestellt und nur ab und zu schauen er und seine Frau mal nach dem Rechten. Lediglich, wenn es um eine Sozialwohnungsangelegenheit geht, für die Gong-ju gebraucht wird, um bei den Sachbearbeitern kein Misstrauen zu erwecken, wird sie sofort in die neue Wohnung gebracht und nach außen hin mit größter Fürsorge behandelt. Als Jong-du und Gong-ju, dieses ungleiche, aber in seiner Outcast-Rolle verbundene Paar, ausgehen, werden sie von Umstehenden wie Aussätzige begafft und im Restaurant gar mit fadenscheinigen Ausreden wieder vor die Tür gesetzt. Beide bekommen durch die Beziehung etwas, was ihnen ansonsten verwehrt blieb, und so ist auch die verstörende Tatsache zu verstehen, dass sie sich in einen Mann verliebt, der sie vergewaltigen wollte. OASIS ist schließlich keine klassische Kitsch-Romanze, und im Leben läuft nicht immer alles rund, romantisch und korrekt.

OASIS

Die Leistung der beiden Hauptdarsteller, die bereits in Lees PEPPERMINT CANDY ein „Paar“ spielten, ist beeindruckend und ein Kraftakt. Nicht nur für Moon So-ri, die unter ihren spastischen Verrenkungen und Grimassen gar nicht mehr wiederzuerkennen ist (und sich wie Daniel Day-Lewis in MY LEFT FOOT (1989) verausgabt), sondern auch für Sol Kyung-gu, dessen Chrakater permanent Hummeln im Hintern hat. Er kann nirgends ruhig sitzen oder stehen, stets wiegt er sich auf und ab, wackelt rasend schnell mit dem Oberschenkel, schnieft die Nase, verzieht das Gesicht. Eine Person, die jeder von uns im echten Leben möglichst meiden würde – und genau das spricht Lee Chang-dong an. Denn im Laufe der Handlung fällt die Maske der sauberen und sozialen Familie und Gesellschaft zunehmend, bis hin zu dem Punkt, an dem der Zuschauer realisiert, dass Jong-dus Familie ihm mehr verdankt, als zunächst anzunehmen war. OASIS ist trotz all seiner kargen Tristesse ein warmer und liebevoller Film, sobald es um die Verbindung zwischen den beiden Protagonisten geht. Es wird mit Fantasieszenen gespielt, die sich im Kopf von Gong-ju abspielen. Dies sind auch die einzigen Momente, in denen sich Moon So-ri wie ein gesunder Mensch frei bewegt und das tut, was Gong-ju in ihrem Körpergefängnis unmöglich ist. Man kann sich über den letzten Akt, vielmehr die Auflösung, streiten, inwieweit Lee hier logisch und plausibel vorging. Denn es kommt zu einer großen Ungerechtigkeit, die man, so denkt man, eigentlich aufklären könnte. Doch man kann über dieses, wenn es denn eins ist, plot hole, hinwegsehen, denn in diesem Moment ist nicht die Plausibilität das Entscheidende, sondern die Gesellschaftskritik, die mit dem Film ausgeübt wird. Ich weiß nicht, ob der Umgang mit Behinderten Menschen in Südkorea schlimmer ist als auf dem Rest der Welt, doch selbst wenn man das Ganze auf Deutschland bezieht, so wird jeder zustimmen, dass auch hier Behinderte eine Existenz am gesellschaftlichen Rand führen, und dass zahlreiche Themen, etwa Liebe oder Sexualität, in diesem Zusammenhang auch hier Richtung Tabu-Thema gehen.

OASIS [오아시스]
Südkorea 2002
Regie: Lee Chang-dong
Drehbuch: Lee Chang-dong
Kamera: Choi Young-taek
Schnitt: Kim Hyeon
132 min.

9/10

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