MIRYANG (SECRET SUNSHINE)

Veröffentlicht: 22. Juli 2015 in reviews
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Die Witwe Lee Shin-ae (Jeon Do-yeon) zieht mit ihrem Sohn von Seoul nach Miryang um, da sie entschieden hat, im Heimatort ihres verstorbenen Mannes ein neues Leben als Klavierlehrerin anzufangen. Die von ihr erwünschte Anonymität des Neustarts erhält sie in der Kleinstadt jedoch nicht. Ziemlich bald wissen alle von der Neuen und ihrem Schicksal. Vor allem der Mechaniker Kim Jong-chan (Song Kang-ho) lässt nicht locker und weicht nicht mehr von ihrer Seite. Doch Shin-ae bleibt auch in Miryang nicht verschont, denn nicht lange nach ihrer Ankunft wird ihr Sohn entführt. Die folgenden Schicksalsschläge lassen die Mutter verzweifeln, und sie sucht nach Wegen, um mit ihrem Schmerz umzugehen.

Der bis hierhin beschriebene Plot könnte als Ausgangspunkt für den modernen klassischen und inzwischen schon unzählige Male wiederholten koreanischen Rachethriller (à la Park Chan-wooks Rache-Trilogie) dienen, doch Regisseur Lee Chang-dong (GREEN FISH, PEPPERMINT CANDY, OASIS) hat etwas ganz anderes im Sinn. Basierend auf seiner Kurzgeschichte The Story of a Bug ist SECRET SUNSHINE, sein vierter Spielfilm, einerseits die Geschichte des Umgangs mit Schmerz, Trauer, Wut und Hoffnungslosigkeit. Hauptdarstellerin Jeon Do-yeon (HOUSEMAID, COUNTDOWN) liefert eine fantastische und emotionale Leistung ab, und es gelingt ihr, das Wechselbad der Gefühle glaubhaft zu verkörpern.

SECRET SUNSHINE

Weiterhin, ohne die Handlung an dieser Stelle weiter verraten zu wollen, spielt Religion eine wichtige Rolle im Verlauf der Geschichte – hier im Spezialfall des koreanischen Christentums – und Lee beleuchtet nach meinem Ermessen geschickt die verschiedenen gesellschaftlichen Aspekte, in denen Religion eine Rolle spielt bzw. sich aufdrängt. Wann suchen Leute nach ihr, wann sind sie für sie offen, wann fühlen sie sich von ihr eher verraten oder durchschauen ein Spiel, das auf menschlicher Schwäche beruht? Lees Film ist keineswegs anklagend, und die verschiedenen Vertreter der Gläubigen werden auch nicht negativ dargestellt, wenn auch der ein oder andere Moment einen Blick hinter die Fassade freigibt. Wie ich inzwischen schon in mehreren Filmen sehen konnte, scheint die koreanische Fraktion des Christentums ziemlich präsent und man könnte sagen, auf gemäßigte Weise „fanatisch“ zu sein. Wie einflussreich dieses Element in der südkoreanischen Gesellschaft ist, kann ich jedoch nicht ausmachen, dazu fehlt mir das Hintergrundwissen. Der Film jedenfalls ist sehenswert und auf emotionaler Ebene stark, wenn auch OASIS einen stärkeren Eindruck hinterlassen hat. Zudem hat mich die fantastische Kameraarbeit (Ja Yong-gyu) fasziniert, die viel mit sehr hellen, beinahe überstrahlten Bildeinstellungen arbeitet. Der unten verlinkte Trailer spoilert übrigens für meinen Geschmack etwas zu viel.

MIRYANG [밀양] (SECRET SUNSHINE)
Südkorea 2007
Regie: Lee Chang-dong
Drehbuch: Lee Chang-dong
Kamera: Jo Yong-gyu
Schnitt: Kim Hyeon
142 min.

8/10

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