SHI (POETRY)

Veröffentlicht: 24. Juli 2015 in reviews
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Mi-ja (Yoon Jeong-hee) muss mit zahlreichen Problemem zurechtkommen. Die Witwe sorgt alleine für ihren Teenager-Enkel Jong-wook (Lee David), der in seiner abgekapselten Welt lebt und sich von Oma wie ein Pascha bedienen lässt; das knappe Geld verdient sie sich als Pflegerin eines alten Schlaganfallopfers. Bei einem Arztbesuch wird ihr Alzheimer im Frühstadium diagnostiziert.

Doch trotz alledem ist Mi-ja ein lebensbejahender Mensch und möchte sich einen alten Traum erfüllen: Sie möchte ein Gedicht schreiben. Daher meldet sie sich für einen Kurs im Kulturzentrum an und versucht fortan, Inspiration zu finden. Doch der nächste Schicksalsschlag wartet nicht lange auf sich. Mi-ja erfährt, dass ihr Enkel zusammen mit fünf weiteren Schulkollegen beim Mobbing und der Gruppenvergewaltigung einer Schülerin beteiligt war, die sich daraufhin das Leben nahm. Die Väter der anderen Jungs nehmen Kontakt mit Mi-ja auf. Sie möchten die Mutter des Opfers mit Geld kompensieren, um weder Polizei noch Presse zu alarmieren, da sie um die Zukunft ihrer Söhne fürchten. Mi-ja muss nun zu alledem noch Geld auftreiben, um ihren Teil dieser Summe beizutragen. Der Tod des Mädchens macht ihr zunehmend zu schaffen, vielmehr jedoch die Gleichgültigkeit aller anderen Beteiligten.

Auf den ersten Blick mag POETRY Ähnlichkeiten mit Bong Joon-hos MADEO (MOTHER) (2009) aufweisen. Auch dort versucht eine Mutter ihren Sohn in einem Kriminalfall zur Seite zu stehen. Doch damit hat es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Lee Chang-dongs fünfter Film ähnelt am meisten seinem vorherigen Film MIRYANG (2007), in dem die Protagonistin mit einer undenkbaren Situation konfrontiert wird und mit den daraus resultierenden Emotionen fertigwerden muss. In POETRY löst der Tod des Mädchens bei Mi-ja Gefühle aus, die sie in Einklang bringen muss. Sie ist betroffen und schockiert, und die Gleichgültigkeit der anderen Väter, die mit Zynismus und Pragmatismus an die Sache rangehen, setzen ihr zu. Vor allem jedoch ist sie ratlos, was ihren Enkel betrifft. Dieser hat eine komplette Mauer um sich errichtet und scheint sich den Vorfall wegzudenken. Man könnte als Zuschauer verleitet werden, Jong-wook wegen seiner Ablehnung und Gleichgültigkeit als Charakter zu hassen, tatsächlich aber gelingt Lee mit der Figur des Enkels eine realistische Charakterstudie eines pubertierenden Teenagers, der seine Konfusion hinter der typischen apathischen Maske eines Menschen in diesem Alter verbirgt. Einige Szenen weisen darauf hin, dass Jong-wook sehr genau weiß, was er verbrochen hat und dass er darunter leidet. Jedoch kann er seine Gefühle nicht kommunizieren, und versteckt sie hinter seinem unmöglichen Verhalten der Großmutter gegenüber. Dieses ist aber bestimmt auch ein Resultat der Trennung seiner Eltern und der Abwesenheit der Mutter. Mi-ja beobachtet ihn mit Sorge und muss abwägen zwischen dem Pragmatismus der Eltern, der durchaus seine Rationalität besitzt, und den moralischen Zwischenrufen, die sie nicht ruhen lassen.

POETRY

Yoon Jeong-hee ist eine koreanische Leinwand-Legende, die für Lees Film aus dem Ruhestand reaktiviert wurde für eine Rolle, die auf sie maßgeschneidert zu sein scheint. Die Charakterstudie der alten Dame stellt eine der besten Figuren des modernen koreanischen Films dar, die ich bisher sehen konnte. Am meisten sagt mir zu, dass wir als Zuschauer ihren Gesichtsausdruck permanent zu lesen versuchen. Wir können uns bis auf wenige Szenen nie sicher sein, was genau sie denkt, denn sie spricht ihre Gedanken so gut wie nie aus. Stattdessen sehen wir sie als Beobachterin und Denkerin, und können ihren Entscheidungsprozess miterleben. Eine grandiose Leistung der Darstellerin. POETRY ist ein wunderschöner Film, der trotz seiner traurigen Themen die Leichtigkeit und den Humor nie ganz verliert und seinen Figuren, selbst kleinen Nebenrollen, viel Liebe entgegenbringt. Lee Chang-dong gewann in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und stellt zurzeit einen der vollendetsten Regisseure Südkoreas dar.

SHI [시] (POETRY)
Südkorea 2010
Regie: Lee Chang-dong
Drehbuch: Lee Chang-dong
Kamera: Kim Hyun-seok
Schnitt: Kim Hyeon
139 min.

10/10

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Kommentare
  1. Hab ich vor ein paar Jahren als er rauskam gesehen, fand ich glaub ganz gut (7/10), wobei ich nichts mehr vom Film in Erinnerung behalten habe. Nicht mal die Handlung. Aber schön, dass er dir gefallen hat🙂

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