Top 5 des Monats: Oktober 2015

Veröffentlicht: 10. Dezember 2015 in top 5 of the month
Schlagwörter:,

Der Oktober stand ganz im Zeichen der Animation – ich wollte einige Filme wiedersehen und viele aufholen, die ich noch nicht gesehen hatte. Daher habe ich als erste Etappe mit den Filmen des berühmten Studio Ghibli losgelegt, und es ist auch keine große Überraschung, dass ausschließlich Ghibli-Filme in der Top 5 gelandet sind. Dabei ist das Ranking nicht unbedingt in Stein gemeißelt (bis auf den ersten Platz). Schön finde ich übrigens, dass die Auswahl von fünf verschiedenen Regisseuren stammt und keine Hayao Miyazaki One-Man-Show geworden ist (ich kannte die meisten seiner Filme bereits). Übrigens ist das Thema Animation auf dem Blog damit noch lange nicht abgeschlossen. Ich habe meine Leidenschaft, die mich erst für das Medium Film begeistert und seit frühester Kindheit geprägt hat, lange Zeit vernachlässigt. Das soll sich in Zukunft ändern! Doch zunächst viel Spaß mit der Auswahl aus dem Oktober!

Meine Top 5 Filme im Oktober 2015:

5. Platz: KOKURIKO-ZAKA KARA [FROM UP ON POPPY HILL] (Japan 2011, Regie: Gorô Miyazaki)

FROM UP ON POPPY HILL

Ein wunderbarer Rückblick nach Yokohama im Jahr 1963, wo die Schülerin Umi, die jeden Morgen die Flagge vor dem Gästehaus ihrer Familie über den Hafen Yokohamas hisst, um ihren zuvor im Koreakrieg verstorbenen Vater herbeizurufen, auf Shun Kazama trifft, der für die Schülerzeitung im Clubhaus der Schule, dem Quartier Latin, schreibt. Sie hilft ihm bei der Arbeit und beide kommen sich näher. Gleichzeitig kämpfen die Schüler für den Erhalt des Quartier Latin, das nach dem Willen der Besitzer abgerissen werden soll. Regisseur Gorô Miyazaki, der Sohn der lebenden Legende des Studio Ghibli, verwebt in nostalgischen Momenten zum Einen die Nachkriegszeit und die Folgen der aufgezwungenen Teilnahme Japans am Koreakrieg und zum Anderen die zunehmenden Studentenunruhen, die sich damals bekanntlich nicht nur in Japan ereigneten. Dabei gelingt ihm ein warmer und liebevoller Film, der im Gegensatz zu seinem vorherigen Projekt (TALES FROM EARTHSEE, 2006) vollständig überzeugt.

4. Platz: MIMI WO SUMASEBA [WHISPER OF THE HEART] (Japan 1995, Regie: Yoshifumi Kondô)

WHISPER OF THE HEART

In dieser wunderbaren Geschichte des leider viel zu früh verstorbenen Regisseurs Yoshifumi Kondô erleben wir das Aufkommen der ersten wahren Liebe und die Suche nach der eigenen Bestimmung und Kreativität. Die Schülerin Shizuku schreibt in ihrer Freizeit an Liedertexten für ihre Freundinnen. Sie verschlingt die Bücher der Bibliothek, und über die Ausleihtzettel in den Büchern stößt sie auf einen immer wiederkehrenen Namen: Seiji Amasawa. Diesen Jungen lernt sie schließlich auch kennen. Seine Zielstrebigkeit und Originalität faszinieren sie, denn Seiji möchte nach Italien ziehen, um dort die Kunst des Violinbaus zu erlernen. Diese Ambition weckt auch bei Shizuku den Ehrgeiz, ihr Talent auf die Probe zu stellen und eine Geschichte zu schreiben, bei der ihr der „Baron“, eine Katzenfigur im Antikladen von Seijis Großvater, als Protagonist dienen soll. Seiji ist eine bezaubernde Hauptfigur, und ihre Motivation sowie die Interaktion mit ihrer Familie haben mir besonders gefallen. Vor allem die Reaktion der Eltern auf Shizukus abweichenden Pfad sollte als Vorbild für so manche Eltern dienen, die mit eigenwilligen und kreativen Kindern zu tun haben (und sind nicht alle Kinder laut Ken Robinson von Geburt an kreativ?).

3. Platz: KAZE TANICHU [THE WIND RISES] (Japan 2013, Regie: Hayao Miyazaki)

THE WIND RISES

Auch THE WIND RISES, der wahrscheinlich letzte Film von Hayao Miyazaki, ist ein nostalgischer, vereinzelt gar nerdiger, Blick zurück und die fiktive Biographie von Jiro Horikoshi, dem Designer der Mitsubishi-Flugzeuge, die später im Zweiten Weltkrieg vom japanischen Kaiserreich eingesetzt wurden. Dabei ist THE WIND RISES selbstverständlich keine Verherrlichung des Krieges oder der japanischen Luftwaffe (das sähe Miyazaki auch nicht ähnlich), sondern eher die liebevolle Charakterzeichnung eines ambitionierten Arbeitstiers und Genies sowie Miyazakis Begeisterung für die Luftfahrt, die er zuvor schon in PORCO ROSSO (1992) behandelt hatte. Animationstechnisch wie immer auf hohem Niveau, bleibt mir vor allem eine überwältigende Szene in Erinnerung, in der das Große Kantô-Erdbeben und das darauffolgende Feuer von 1923 dargestellt werden. Die inszenierten Momente sind großartig und hinterlassen garantiert bleibenen Eindruck, ohne dabei auch nur einmal effekthascherisch oder gar exploitativ und actionreich zu sein. Sehr schön ist auch das Zäsur-artige Kapitel im Hotel, das bewusst an Manns Zauberberg erinnert und alles ein letztes Mal in traumartige und friedfertige Ruhe taucht, ehe die dunklen Zeiten hereinbrechen. Miyazaki ist einer der größten Animationsregisseure aller Zeiten und kann eine phänomenale Filmografie vorweisen. Beliebt ist er sicherlich am meisten für seine fantasievollen Epen wie SPIRITED AWAY (2001) oder PRINCESS MONONOKE (1997), doch THE WIND RISES sollte zweifellos stets mit den anderen Hits in einem Atemzug genannt werden.

2. Platz: KARI-GURASHI NO ARIETTI [THE SECRET WORLD OF ARRIETTY] (Japan 2010, Regie: Hiromasa Yonebayashi)

THE SECRET WORLD OF ARRIETTY

Diese kleine Geschichte, die im Mikrokosmos eines Hauses und des umgebenen Gartens spielt, begeistert durch die Leichtigkeit, Originalität und die interessanten Charaktere. Das Mädchen Arrietty gehört zu den „Borgern“, däumlingartige Miniwesen, die heimlich unter den Menschen leben und sich dabei Dinge „borgen“, um damit über die Runden zu kommen. Es gibt nicht mehr viele von ihnen, daher bleiben sie im Verborgenen. Arrietty lebt alleine mit ihren beiden Eltern im Haus der alten Sadako Maki und ihrer Haushälterin Haru. Sadako nimmt ihren kränklichen Großneffen Shô auf, der in Kürze eine Herzoperation durchstehen muss und Bettruhe benötigt. Bei einer nächtlichen Borg-Aktion wird Arrietty von Shô entdeckt. Die Eltern beschließen panisch, dass sie ihr vertrautes Heim verlassen müssen, während Arrietty auf dem schmalen Grat zwischen Treue zu ihren Eltern und Neugier auf den zarten und sympathischen Shô wandelt. Was mir an THE SECRET WORLD OF ARRIETTY besonders gefallen hat, ist die entspannte Art des Geschichteerzählens. Obwohl es um die Existenz der Borger geht, sind die Szenen nie übertrieben dramatisch, sondern bleiben stets auf dem Teppich. Das soll nicht heißen, dass die Handlung unspannend wäre. Der Film versucht einfach nur nicht, zu übertrieben wichtig zu sein, und das macht ihn mir äußerst sympathisch. Außerdem gefallen mir Filme, die in solchen Mikrokosmen spielen, in denen kleine Alltagsgegenstände der Menschen zu ganz anderen Utensilien werden. Regisseur Hiromasa Yonebayashi ist jedenfalls ein wunderschöner Film gelungen, und er könnte vielleicht eine verheißungsvolle Perspektive für das Studio Ghibli sein (seinen zweiten Film WHEN MARNIE WAS THERE habe ich noch nicht gesehen).

1. Platz: HOTARU NO HAKA [GRAVE OF THE FIREFLIES] (Japan 1988, Regie: Isao Takahata)

GRAVE OF THE FIREFLIES

Der einzige Film aus der Auswahl, bei dem ich sofort die Platzierung kannte, war Isao Takahatas GRAVE OF THE FIREFLIES. Ein Film, den ich schon seit Jahren vor mir herschiebe, weil ich wohl schon immer wusste, dass er keine einfache Kost sein wird. Der Film erzählt uns die Geschichte der Geschwister Seita und Setsuko, die die letzten Kriegsmonate des Zweiten Weltkriegs in Japan erleben. Dabei beginnt die Geschichte kurz nach dem Kriegsende, und der Zuschauer erfährt, dass beide Charaktere gestorben sind. Seita stirbt in der ersten Szene an Hunger, worauf er mit dem Geist seiner jüngeren Schwester vereint wird. Diese dramaturgische Entscheidung sorgt für zwei Dinge: Erstens nimmt uns Takahata die Frage und die Qual ab, ob die Charaktere überleben oder nicht, da das für die Handlung nicht weiter relevant ist, was gewissermaßen eine Erleichterung ist. Zweitens jedoch betrachten wir die nun gezeigten Ereignisse mit dem tragischen Vorwissen um das Schicksal der Beiden, was selbst einfachste und zwischenmenschlich humorvolle Szenen beinahe unerträglich macht. Ein Film wie GRAVE OF THE FIREFLIES ist als Realfilm kaum vorstellbar und wohl nur als Animationsfilm durchzustehen, was auch ein Grund gewesen sein dürfte, warum sich Takahata dem Stoff zuwandte, der auf der gleichnamigen semi-biografischen Kurzgeschichte von Akiyuki Nosaka basiert. Ich kann glaube ich guten Gewissens behaupten, dass GRAVE OF THE FIREFLIES einer der besten Filme aller Zeiten ist. Dabei behandelt er nicht nur die katastrophalen Folgen und Zustände des Krieges, sondern auch Themen wie den gesellschaftlichen Ausschluss, den die beiden Kinder erleben. Denn fast mehr noch als als die Bomben und der Hunger schmerzen den Zuschauer die Abweisung und Kälte der Menschen.

Isao Takahata und Hayao Miyazaki sind die beiden prägenden Köpfe des Studio Ghibli. Miyazaki hat sein Karriereende (zumindest hinsichtlich Spielfilmen) bereits offiziell gemacht und THE WIND RISES dürfte sein letzter Film gewesen sein. Doch auch Isao Takahata ist bereits stolze 80 Jahre alt, und somit steht das weitere Schicksal des Studio Ghibli in den Sternen. Miyazakis Sohn Gorô konnte sich zumindest mit FROM UP ON POPPY HILL ein wenig rehabilitieren. Yonebayashi zeigte mit ARRIETTY, dass Hoffnung besteht. Auf jeden Fall steht jedoch eine historische Zäsur bevor, die wohl auf einen Generationswechsel wie bei Disney in den Achtzigern hinausläuft.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s