THE REVENANT

Veröffentlicht: 16. Januar 2016 in reviews
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Dieser Artikel enthält diverse Spoiler!

Eine Gruppe Jäger und Trapper wird 1823 von Arikaree angegriffen. Der dadurch massiv reduzierte Verband muss sich durch die Wildnis des Louisiana Purchase schlagen. Zu allem Unglück wird der wichtigste Kundschafter, der Jäger Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), von einem Grizzlybären schwer verwundet und muss schließlich zurückgelassen werden. Drei Männer bleiben bei ihm, darunter sein Sohn Hawk (Forrest Goodluck), während der Rest der Gruppe sich weiter zum Fort begibt. Der Verrat des Trappers Fitzgerald (Tom Hardy) schließlich führt dazu, dass Glass alleine und ohne Vorräte dem Tode nahe in der Wildnis zurückgelassen wird. Für den schwer Verletzten beginnt eine Höllentour, bei der er angetrieben wird von seinem Überlebenswillen und Rachedurst.

Die Geschichte basiert auf dem Roman The Revenant: A Novel of Revenge (2002) von Michael Punke, der wiederum auf die Erzählungen des historischen Hugh Glass zurückzuführen ist, von denen vor allem sein Kampf gegen den Bären und der darauf folgende Kraftakt Berühmtheit erlangten. Bereits 1971 spielte Richard Harris (GLADIATOR, UNFORGIVEN) in MAN IN THE WILDERNESS (Regie: Richard C. Sarafian) den schottisch-irisch-stämmigen Mountain Man. Der jetzt erschienene Film THE REVENANT von Regisseur Alejandro González Iñárritu (BIRDMAN, 21 GRAMS, BABEL) schildert die Ereignisse über weite Strecken akkurat und authentisch, weicht aber auch an mehreren Stellen von der tatsächlichen Chronologie ab. Heraus gekommen ist jedenfalls ein außergewöhnlicher (Rache-)Film, der in vielerlei Hinsicht beeindruckt und vereinzelt virtuos inszeniert ist. THE REVENANT ist eine Tour de Force in allen Belangen – sowohl die Geschichte um Hugh Glass, als auch die Produktion des Films selbst. Gedreht an Orginalschauplätzen zu unmöglichen Bedingungen, fernab von einem komfortablen Filmstudio, übertragen sich die Konditionen von Cast und Crew sichtbar auf den fertigen Film. Neben der herausragenden Masken- und Kostümarbeit sowie des fantastischen Produktionsdesigns (John Fisk, auch verantwortlich für u. a. THERE WILL BE BLOOD (2007, Paul Thomas Anderson), THE THIN RED LINE (1999, Terrence Malick) und THE NEW WORLD (2005, Terrence Malick), sehen die Darsteller ausnahmslos geplagt aus, viele Anstrengungen sind in einzelnen Szenen direkt zu sehen.

If we ended up in greenscreen with coffee and everybody having a good time, everybody will be happy, but most likely the film would be a piece of shit. [Alejandro González Iñárritu]

Vorneweg betroffen ist natürlich Hauptdarsteller DiCaprio (INCEPTION, THE WOLF OF WALL STREET, SHUTTER ISLAND), der eine phänomenale Leistung erbringt und seine Szenen meist ohne Dialog durchlebt und durchleidet (auch vor einer rohen Bisonleber macht der Vegetarier nicht Halt). Die von Emmanuel Lubezki (THE TREE OF LIFE, GRAVITY) mit natürlichem Licht gebannten Bilder sind von überirdischer Schönheit, und seine Kamera lässt den Zuschauer in vielen Szenen, die nur selten von Schnitten unterbrochen werden, wie einen weiteren Zeugen mitreisen. Seine Arbeit erscheint mir wie eine Mischung aus den rohen langen Einstellungen in CHILDREN OF MEN (2006, Alfonso Cuarón) und seinen schwebenden Vignetten aus THE NEW WORLD (2005, Terrence Malick) und THE TREE OF LIFE (2011, Terrence Malick). Für mehrere Szenen kann nur das überstrapazierte Adjektiv virtuos herhalten, doch wenn man etwa den anfänglichen Angriff der Arikaree oder Glass‘ tödlichen Kampf gegen eine aufgebrachte Grizzlymutter bestaunt, fallen einem kaum Superlative ein, die diese Erfahrung beschreiben können. Der Bärenkampf wurde ganz offensichtlich mit computergenerierten Effekten realisiert, und an manchen Stellen erkennt man auch kleine Ungereimtheiten, die z. B. das Hin- und Herschleudern des Körpers von DiCaprio mittels eines Rigs andeuten. Doch bei solchen Szenen suggeriert das Gehirn oft das Gefühl für Künstlichkeit, weil einfach das Bewusstsein da ist, dass es sich nicht um einen echten Kampf handeln kann. Jedenfalls zeigt Iñárritu uns einen Zweikampf für die Filmgeschichte, und damit hat es sich bei diesem Film noch lange nicht. Die explizite Gewaltdarstellung ist nichts für Zartbesaitete, doch sie unterstützt die insgesamte Atmosphäre eines Kampfes um Leben und Tod in einer Umgebung, die nichts mit Romantik und Idylle zu tun hat. Wer sich nicht wie Hugh Glass zu helfen weiß, kann solche Bedingungen nicht überleben.

THE REVENANT

Ein nicht unwichtiges Element des Films sind die verschiedenen Vertreter der First Nations, der nordamerikanischen Ureinwohner. Denn es ist ihr Land, das von den Kolonisten geplündert und gestohlen wird. Die Jagd der Arikaree auf die Pelzjäger ist einerseits persönlich motiviert (die Tochter eines Häuptlings wurde entführt), doch letzten Endes ein Kampf um die eigene Existenz und Ressourcen. Symbolträchtig ist Glass‘ Vision des Bisonschädelbergs, der die organisierte systematische Zerstörung des Ureinwohner-Habitats versinnbildlicht (und authentisch ist. Die Zahl der Bisons sank von 1830 ungefähr 40 Millionen auf 1880 nur noch ungefähr 400.000 Tiere [Quelle] – das verlinkte Bild wurde in den 1870ern gemacht). Der ein oder andere Zuschauer mag sich vielleicht über diverse VFX beschweren oder über Tom Hardys Akzent (gerade erster Punkt ist ziemlich abstrus, bedenkt man, dass der Film über weiteste Strecken sichtbar „handgemacht“ ist), doch abstreiten kann niemand, dass THE REVENANT ein fulminantes Kinoerlebnis ist. Meine höchst subjektive Bestnote erhält der Film nicht, weil er perfekt ist, sondern weil ich ein perfektes Erlebnis hatte. THE REVENANT ist ein origineller, innovativer und hochkarätiger Höllentrip, der mich in dieser Hinsicht wie Cuaróns GRAVITY (2013) und Millers MAD MAX: FURY ROAD (2015) packen konnte (über eine Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden) und daher nach meinem Ermessen zum Besten des Genres gehört. Die zwölf Oscar-Nominierungen sind somit auch keine Überraschung.

THE REVENANT
USA 2015
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Mark L. Smith, Alejandro González Iñárritu
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Stephen Mirrione
156 min.

10/10

Kommentare
  1. Filmschrott sagt:

    Ich fand den Film toll, beschwere mich aber trotzdem über die VFX. Einfach WEIL sonst alles handgemacht ist. Warum muss man diese Kulisse dann zum Teil mit CGI zerstören. es passt einfach nicht ins Bild. Klar, dass man keinen echten Bären ranholen konnte, aber es gibt eben auch immer noch praktische Effekte, die einfach tausend mal besser aussehen.
    Mir hat es den Film keinesfalls kaputt gemacht. Ich wurde nur in besagten Szenen quasi aus der Kulisse rausgerissen. ei einem praktischen Effekt passiert mir das einfach nicht so schnell, wie bei dem animierten Quark. Es sieht einfach NIE echt aus und wirkt dadurch deplatziert. Gerade in so einem Film wie diesem fällt das um so mehr auf.

    • indy sagt:

      Ich glaube das Problem ist wirklich die Wahrnehmung und weniger die Qualität der VFX. Ich finde nämlich, dass diese Szene extrem gut gelungen ist und der Bär verdammt gut aussieht. Ich weiß aber einfach, dass sie nicht echt ist. Mein Verstand sagt „Fake!“.
      Ich bin sicher, dass Iñárritu, wenn er die Wahl gehabt hätte, am liebsten alles mit praktischen Effekten gedreht hätte. Nur ist das leider nicht möglich, und der Bärenkampf ist nun mal ein wichtiger Aspekt der Geschichte gewesen, da blieb lediglich die Animation übrig (ein Stuntman im Bärenkostüm hätte vielleicht wesentlich künstlicher ausgesehen).

      VFX gibt es aber an mehreren Stellen des Films (ich vermeide mal weitere Spoiler), sie sind insgesamt sehr gut eingebettet, wie ich finde.

      • Filmschrott sagt:

        Nee, sorry, das ist zu einfach. Klar weiß ich, dass es nicht echt ist, aber darauf kommt es nicht an. Es sieht einfach nicht echt aus. Wenn der T-Rex in Jurassic Park als Animatroic den Jeep zerlegt spüre ich noch heute in jeder Sekunde die Gefahr, die von dem Vieh ausgeht, einfach weil es echt wirkt. Wenn aber zuvor der Brontosaurus, oder Brachiosaurus, oder wie auch immer das Vieh heißt, da animiert durch die Gegend stapft, bewegt sich bei mir gar nix mehr. Klar, damals sah das geil aus, aber mittlerweile eben nicht mehr. Problem ist, dass CGI heutzutage einfach NIE gut aussieht. Ich weiß nicht mal woran das wirklich liegt, aber für mich fügt es sich einfach nicht mehr realistisch ein. Es funktioniert einfach nicht mehr. Sei es bei dem Bären, der natürlich vergleichsweise gut aussah, oder bei den mehr schelcht als recht animierten Bisons hinterher. Mich reißt sowas einfach raus.
        Man hätte den Bärenangriff durchaus anders und realistischer gestalten können, wenn man gewollt hätte. Natürlich mache ich den Vorwurf aber eher den Produktionsstudios, weil heute ja einfach jeder Scheiß animiert werden muss. Für mich das Grauen und gerade in diesem Fall sehr schade, weil es durch die vielen Naturaufnahmen um so deplatzierter und unechter wirkte.

        • indy sagt:

          Das scheint dann aber schon ein persönliches Problem zu sein, das du mit VFX hast und nicht zwangsweise ein tatsächliches. Du sagst ja selbst, dass der animierte Saurier aus JURASSIC PARK dir jetzt nicht gefällt, aber damals schon. Das heißt bei dir hat sich in der Zeit was geändert, denn die Animationen von 1994 sind im Vergleich zum heutigen Stand vorsintflutlich, haben uns aber damals auch schon nicht gestört. Stattdessen stören dich jetzt state-of-the-art Animationen und auch zurückblickend die früheren?

          Ein Argument von Dir würde ich jedoch auf jeden Fall unterstreichen, nämlich die allgemeine Feigheit von Filmemachern, zu schnell auf Animationen zurückzugreifen. Ich finde auch, wenn es glaubwürdig machbar ist und die Mittel vorhanden sind, sollte man es mit praktischen Effekten lösen. Das wird heutzutage zu selten gemacht. Eben deshalb beeindrucken mich die im Artikel neben THE REVENANT genannten Filme wie GRAVITY oder MAD MAX: FURY ROAD: weil sie neben VFX massiv auf praktische Überlegungen und Umsetzungen gesetzt haben.
          Ich bin aber skeptisch und glaube nicht, dass eine praktische Lösung im Falle des Bärenkampfes möglich gewesen wäre – zumindest nicht, wenn die Szene so gezeigt werden sollte, wie sie am Ende im Film gezeigt wurde.

          Bei mir ist es wirklich hauptsächlich der psychologische Aspekt: je perfekter die Animationen werden, desto schwieriger wird es für mich, bei vermeintlich realistischen Momenten das Ganze abzukaufen. LIFE OF PI ist so ein Beispiel. Der Tiger sieht fantastisch aus, keine Frage – perfekte Animation! Und er bewegt sich vermutlich auch realistisch. Doch ich weiß natürlich ganz genau, dass der am besten dressierte Tiger niemals vor einer Kamera jede Markierung treffen und jede Geste ausführen würde. Somit hatte ich bei dem Film von Anfang an Probleme. Das geht in Richtung Uncanny Valley …

          Anyway, vielen Dank für deine Kommentare!😉

          • Filmschrott sagt:

            Bei Life Of Pi hatte ich da wiederum kaum Probleme mit, was dann wohl daran liegt, dass da sehr viel mit Effekten gearbeitet wurde und dadurch wieder alles zusammenpasst. Das ist halt bei The Revenant nicht so. In der tollen Umgebung sieht es einfach unecht aus. Ich hoffe, du weißt was ich meine.

            Und natürlich ist es ein persönliches Problem wenn ICH diesen CGI-Overkill zum kotzen finde. Aber wie könnte ich auch nicht. GUck dir das Drama doch mal an, was da mittlerweile vor uns liegt. Da wird in einem Film für 5000 Dollar ein Stück Hundescheiße animiert, anstatt Fakescheiße für 1,50$ im Laden um die Ecke zu kaufen. Und ja, das ist tatsächlich passiert im Film John Wick. Da kann mir doch keiner mehr erzählen, dass das alles nur noch Geisteskrank ist. Hast du zufällig einen Trailer zu Batman VS Superman gesehen? Das sieht aus, als hätte man über den ganzen Film noch mal CGI drüber gelegt. Es ist einfach das absolute Grauen.

            Und ich glaube schon, dass man die Bärenattacke mit einem Animatronic-Bear einer Bärenpfotenattrape und ähnlichem gut hätte hinkriegen können. Der T-Rex konnte auch den Jeep zerlegen, warum soll ein Bär dann nicht Leo zerfetzen können?

  2. Für mich nicht sonderlich originell, da er viele Momente von anderen Filmen „klaut“. Zudem viel zu lang und dadurch wiederholend. Und DiCaprios Spiel extrem monoton. Lohnt nur wegen Lubezkis Bilder und wird ansonsten bereits in 2-3 Jahren (zurecht) in Vergessenheit geraten sein.

    • indy sagt:

      Oh, ein echter Prophet du bist!🙂

    • Juancho sagt:

      seh ich aehnlich, es kommt nie spannenung auf, man weiss von anfang was passieren wird, und das aneinanderhaeufen von unrealistischen szenen machts nicht besser… beeindruckt war ich allerdings von den schauspielerischen leistung von tom hardy, und grandios natuerlich kamerafuerhung und bilder.. aber drehbuch und tiefe doch auesserst mau…

  3. P.S.: Das von dir verlinkte Zitat stammt im Übrigen vom „Revenant“-Regisseur Iñárritu, nicht von Cuaron. Das ist der andere Mexikaner😉

  4. […] Quelle: THE REVENANT […]

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