Dieser Artikel enthält leichte Spoiler.

Einige Zeit nach dem Sezessionskrieg in Wyoming: Acht Fremde sitzen während eines Blizzards in einer Herberge fest, hohes Kopfgeld ist im Spiel und Paranoia nimmt zunehmend Überhand an. Die Bühne ist frei für Quentin Tarantinos neuen Western THE HATEFUL EIGHT! Der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell) hat eine wertvolle Beute im Schlepptau. Die an seine Hand gekettete Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) ist 10.000 Dollar wert. Umso misstrauischer ist Ruth, als im Zuge des Sturms zwei Fremde scheinbar zufällig den Weg seiner Kutsche kreuzen und um Mitnahme bitten. Die inzwischen vier Passagiere, darunter der Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson), suchen in einer Herberge Schutz, in der sie ausharren müssen, bis der Blizzard vorbei ist. Doch auch in „Minnie’s Haberdashery“ befinden sich Gäste, und es beginnt ein paranoides Spiel, bei welchem Identität und Motivation der acht Hauptcharaktere zunächst unklar sind.

Direkt nach seinem Western DJANGO UNCHAINED (2012) schrieb Tarantino (PULP FICTION, INGLOURIOUS BASTERDS) an einem weiteren Western, der zunächst wohl sogar als Fortsetzung fungieren sollte. Nachdem er feststellen musste, dass Djangos Charakter nicht zur geplanten Geschichte passte, wurde daraus der eigenständige Film THE HATEFUL EIGHT, der zu größten Teilen in der Herberge „Minnies’s Haberdashery“ spielt und zurecht als Kammerspiel bezeichnet werden kann. Der ein oder andere Zuschauer mag vielleicht deswegen etwas enttäuscht gewesen sein, doch der Reiz des Films kommt gerade wegen der klaustrophobischen Limitierung des Raums zustande. Manche munkeln, auch aufgrund von Aussagen Tarantinos, dass THE HATEFUL EIGHT sein letzter Film sei. Das möchte ich nicht glauben, doch man könnte es zum Anlass nehmen, um diesen Film in Relation zu seinem restlichen Werk zu betrachten. Auf den ersten Blick liegt natürlich die Parallele zu DJANGO UNCHAINED auf der Hand, da es sich bei beiden Filmen um Western handelt. Beide spielen in der Zeit nach dem Bürgerkrieg und thematisieren auf unterschiedliche Art das Thema Sklaverei und die Zerrissenheit der amerikanischen Bevölkerung. Doch man kann auch die Ähnlichkeit zu Tarantinos Debütfilm nicht von der Hand weisen. Auch RESERVOIR DOGS (1992) spielt fast überwiegend an nur einer Location, an welcher eine Gruppe „Gestrandeter“ die Motivation der einzelnen Beteiligten in Frage stellt. Wenn THE HATEFUL EIGHT tatsächlich der letzte Tarantino ist, dann wäre die Klammer umso logischer. Doch ich möchte auch auf eine weitere Ähnlichkeit hinweisen. THE HATEFUL EIGHT hat einen ähnlich moderaten Anklang beim Publikum wie JACKIE BROWN (1997), der damals nach dem fulminanten PULP FICTION (1994) die Erwartungen mancher Zuschauer unterbot. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass THE HATEFUL EIGHT eine ähnliche Perle wie JACKIE BROWN ist, die ihre Anhängerschaft mit dem Lauf der Zeit vergrößern wird. Beide Filme geben ihren Darstellern reichlich Zeit und Ruhe, um ihre Rollen auszuleben und sind Hommagen an ihre Schauspieler.

THE HATEFUL EIGHT

Doch Ähnlichkeiten einmal beiseite gelegt und auch der Gedanke, ob es sich um den letzten Film handelt oder nicht: THE HATEFUL EIGHT ist ein äußert raffinierter und unterhaltsamer Film, der an vielen Stellen unvorhersehbar ist und durch die von Tarantino gewohnt vermischte narrative Struktur in Kapiteln das Interesse und die Spannung hoch hält. Alle Charaktere, von denen sich kaum einer sympathisch verhält oder gar als Identifikationsfigur dienen kann, sind interessant und auf ihre Weise rätselhaft. Der Cast besteht aus einem hochkarätigen Ensemble: Neben Jackson, Russell und Leigh stehen u. a. Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern und Walton Goggins vor der Kamera. Die Rolle von Tim Roth erinnerte mich in den ersten Minuten stark an eine Figur, wie sie von Tarantino in seinen letzten beiden Filmen für Christoph Waltz geschrieben war. Komödiantisch, fast schon ein Clown, altklug, doch unberechenbar und brandgefährlich. Durch die begrenzte Szenerie ist es ein großes Vergnügen, das Verhalten und die Positionierung der Schauspieler während der Szenen zu beobachten (solche Choreografien sind stets eine große Herausforderung und können in guten Händen zu beeindruckenden Resultaten führen, siehe etwa Akira Kurosawas TENGOKU TO JIGOKU (1963)). Das Kammerspiel kann man sich durchaus als Theateraufführung vorstellen. Wer lässige Dialoge à la RESERVOIR DOGS oder PULP FICTION erwartet, der wird enttäuscht sein, doch dafür wäre das Setting völlig fehl am Platz gewesen. Überzeugen tut THE HATEFUL EIGHT in erster Linie durch sein durchdachtes Drehbuch und die lebendigen Charaktere. Die politischen Untertöne sind nicht zu überhören, und selbst Ausflüge in philosophisch-juristische Gefilde kommen nicht zu kurz. Das schöne Produktionsdesign in der Herberge (das ein wenig an Sergio Leones auf Textur Wert legende Locations erinnert) sowie die grandiosen Außenaufnahmen in der Schneelandschaft (Kameramann Robert Richardson drehte große Teile des Films auf 65-mm-Film) schmücken das Ganze aus, akzentuiert von der Musik Ennio Morricones. Mich hat vor allem das Wiedersehen mit Tim Roth und Kurt Russell sehr gefreut. Von Letzterem hatte ich mir nach seinem Auftritt in Tarantinos DEATH PROOF (2007) eine weitere größere Rolle im Tarantino-Universum erhofft. THE HATEFUL EIGHT, Tarantinos Hommage an TV-Westernserien wie Bonanza, wird wohl nicht einschlagen wie DJANGO UNCHAINED oder INGLOURIOUS BASTERDS, doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Give it some time, people!

THE HATEFUL EIGHT
USA 2015
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Fred Raskin
167 min.

9/10

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