Das kommerzielle Frachtschiff Nostromo, dessen Crew sich im Kälteschlaf befindet, empfängt ein mysteriöses Signal, einen vermeintlichen Notruf von einem Planetoiden. Der Schiffscomputer weckt daraufhin die Mannschaft, die diesem Signal, so die Regularien des Unternehmens, nachgehen muss. Also landet die Nostromo auf dem Weltraumbrocken, und die Crew um Captain Dallas (Tom Skerritt) entdeckt das Wrack eines außerirdischen Raumschiffes. Innerhalb des fremden Schiffes finden sie die Leiche eines riesigen Wesens sowie einen Raum mit unzählichen eiförmigen Gebilden. Aus einem dieser Eier springt ein Wesen heraus und heftet sich an den Helm von Kane (John Hurt). So gelangt der fremde Organismus schließlich an Bord der Nostromo und das Horrorszenario nimmt seinen Lauf.

Der Science-Fiction-Horrorfilm ALIEN von Regisseur Ridley Scott (BLADE RUNNER, GLADIATOR, THE MARTIAN) ist der moderne Klassiker des Genres. Das Prinzip ist simpel und oft kopiert. Feindliches Wesen tötet auf begrenztem Raum die Charaktere der Reihe nach. Dies kann sich an Bord eines Raumschiffs abspielen oder in der Hütte mitten im Wald, wie im Falle eines Teenie-Slashers. Der große Unterschied zu Scotts Klassiker und gewöhnlichem Trash ist der minimalistische Spannungsaufbau, die Dosierung der Horrorelemente und die visuelle Virtuosität, mit welcher der Brite diese Geschichte erzählt. Außerdem, und diesen Punkt kann man nicht stark genug betonen, verzichtet ALIEN auf billige Plot-Schummeleien, um seine Handlung voranzubringen. Die Charaktere in ALIEN sterben nicht einfach wahllos und stupide, weil sie sterben sollen, sondern verhalten sich durchweg realistisch und glaubwürdig. Nach der Sichtung von Scotts PROMETHEUS (2012), einem Prequel zu den Alien-Filmen, hatte ich mich in erster Linie über das extrem dämliche Verhalten der Charaktere aufgeregt. Dies ist ein allzu bekanntes Problem in heutigen Filmen, denn es ist der einfachste Weg, um eine Handlung zu konzipieren (X muss Y tun, damit Z passiert? Dann tut er es einfach, immerhin schreibe ich das Drehbuch! Problem ist nur, dass Y keinen Sinn macht oder unglaubwürdig ist, doch egal, so kommt es zu Z, und das möchte ich immerhin!) Nach diesem Muster sterben in PROMETHEUS die Charaktere, wohlgemerkt Spezialisten auf diversen Gebieten, wie die Fliegen, weil das in einem SF-Horrorfilm nun mal so ist. ALIEN ist indessen ein Paradebeispiel dafür, wie man es richtig macht. Es ist überaus schade, dass Ridley Scott sich bei der Produktion von PROMETHEUS nicht an seiner eigenen Arbeit orientiert hat.

Nach unzähligen Sichtungen habe ich mir den Film dieses Mal vor allem mit zwei Fragen im Hinterkopf angesehen:

1. Hält mein bisheriger Eindruck einer Prüfung stand und verhält sich die Crew der Nostromo tatsächlich glaubwürdig und realistisch, oder bin ich lediglich nostalgisch und nachsichtig im Vergleich zu neueren Filmen gewesen?

2. [und hiermit eine offizielle Spoilerwarnung] Verhält sich Ash (Ian Holm) angesichts seiner wahren Funktion von Anfang an glaubwürdig und entsprechend seiner Pläne? Wird sein „Verrat“ filmisch zuvor schon angedeutet, oder kommt er aus dem dramaturgischen Nichts?

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Doch ehe ich auf diese speziellen Fragen der letzten Sichtung eingehe, möchte ich allgemein festhalten, was mir an ALIEN seit der ersten Sichtung so zusagt und für mich zum Meilenstein des Genres macht. Abgesehen vom weiter unten genannten Gesamteindruck und dem Zusammenspiel zahlreicher Elemente, fasziniert mich ALIEN immer wieder aufgrund seiner ersten halben Stunde. In dieser Zeitspanne werden wir langsam in die Geschichte eingeführt. Zunächst in den Alltag an Bord der Nostromo, nachdem die Crew geweckt wird. Die Einstellungen zuvor lassen einen ersten Blick in mehrere Bereiche des Schiffes zu, und sobald die Mannschaft wach ist, werden wir Zeuge einer verkaterten Routine, deren Authentizität nur wenige Filme erreichen. Wir lernen die verschiedenen Crewmitglieder nicht durch langweilige Exposition kennen, sondern indem wir sie einfach nur beobachten. Diese Szenen wirken nicht inszeniert oder gespielt, sondern wie die Observation während eines Dokumentarfilms. Solche Momente sind in einem Film Gold wert und leider selten (andere Beispiele sind die Einführung in Paul Thomas Andersons THERE WILL BE BLOOD (2007) oder diverse Szenen in Terrence Malicks DAYS OF HEAVEN (1978)). In dieser ersten halben Stunde werden auch interessante Einblicke in die Gefühlswelt und den weiteren Verlauf gegeben. Man achte zum Beispiel auf das Close Up der nachdenklichen Lambert (Veronica Cartwright), die scheinbar eine undefinierbare Vorahnung hat, oder auf die Blicke Ashs, der die gesamte Besatzung von Anfang an täuscht (womit die Antwort auf Frage 2 schon vorweggenommen wird).

ALIEN

Doch nun zurück zu den zwei speziellen Fragestellungen: Die Crew begeht definitiv Fehler, ansonsten könnte es kaum zur Katastrophe kommen, aber wie kommt es genau zu ihnen? Der erste Fehler passiert gleich zu Beginn. Nach der Kontamination von Kane kehren Captain Dallas, Kane und Navigationsoffizierin Lambert zurück zur Nostromo und befinden sich in der Luftschleuse. Dallas befiehlt das Öffnen der Schleuse, doch Deckoffizier Ripley (Sigourney Weaver) weigert sich, da sie den Quarantäne-Regularien und dem Gesetz folgt. Die Gefahr für Schiff und Crew ist zu hoch. Schließlich ist es Wissenschaftsoffizier Ash, der sich an den Befehl hält und die Schleuse öffnet. Der menschliche Wunsch Dallas‘ und Lamberts wird korrekterweise von Ripley abgelehnt und nur durch Ash erfüllt (der jedoch, wie man später herausfindet, aus anderer Motivation agiert). Der tödliche Organismus gelangt also durch ein durchaus glaubwürdiges Szenario an Bord. Im Anschluss gibt es weitere Dissonanzen. Crewmitglieder wie der Ingenieur Parker (Yaphet Kotto) weisen darauf hin, dass Kane aufgrund der Gefahr eingefroren werden müsse; Ripley will Ash zur Rede stellen. Es sind die menschliche Schwäche Dallas‘ sowie die Sabotage von Ash, die zur fahrlässigen Sicherheitsgefahr führen und das Schicksal der Crew besiegeln. Hinzu kommt, dass die Besatzung der Nostromo mit ihrer jetzigen klaustrophobischen Situation völlig überfordert ist. Immerhin sind hier Menschen an Bord, deren Job es ist, Erz in einem Raumschiff von A nach B zu transportieren. Es sind keine exobiologischen Spezialisten oder Soldaten, die sich für eine bestimmte Mission vorbereitet haben. Wird dies berücksichtigt, so verhält sich die Crew der Nostromo über weiteste Strecken absolut glaubwürdig, wenn auch diverse Momente Fehler oder fahrlässig sind (so ist zum Beispiel der Tod Bretts (Harry Dean Stanton) grob fahrlässig, da er alleine losgeschickt wird, um die entlaufene Katze einzufangen). Dieser Prüfung hält ALIEN also stand.

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Was ist mit der zweiten Frage: Tatsächlich übt es einen besonderen Reiz aus, ALIEN mit dem Vorwissen zu schauen, dass es sich bei Ash um einen Roboter handelt, der im Auftrag des ominösen Unternehmens den tödlichen Organismus beschaffen soll. Und in der Tat sind die Hinweise von Anfang an in den Bildern und im Verhalten Ashs versteckt. Seine Schleusenaktion ist die offensichtlichste Handlung, doch vor allem seine Blicke sprechen Bände, so etwa das Mustern des kontaminierten Kanes im Gemeinschaftsraum. Natürlich auch seine Faszination für das Wesen („Perfect Organism!“). Auch in dieser Hinsicht wurde also vonseiten der Filmemacher nicht geschummelt. Ash macht nicht urplötzlich eine komplette Wandlung durch, sondern arbeitet heimlich an seinem Auftrag, bis er sich gezwungen sieht, zum Äußersten zu greifen.

In ALIEN lässt sich Scott durchweg Zeit (auch eine Qualität, die in einer Zeit, in der das Publikum scheinbar nach Daueraction dürstet, immer seltener zu Tage tritt). Es dauert eine halbe Stunde, ehe die Crew den Fuß auf den Planetoiden setzt und zum ersten Mal mit dem gefährlichen Organismus in Kontakt tritt. Es dauert eine ganze Stunde bis zur legendären Szene beim gemeinsamen Essen, wenn der arme Kane und die restliche Besatzung die wahre Funktion des Facehuggers begreifen. Die restliche Stunde ist der Kampf ums Überleben und die zunehmende Gewissheit, dass sich das tödliche Wesen nicht so einfach töten lässt, sondern stattdessen die Crew Stück für Stück dezimiert. Das „Alien“ (ein Charakterdesign mit Kultstatus, entsprungen aus dem Hirn des Schweizer Künstlers H. R. Giger) selbst wird nur selten gezeigt und dann stets kurz und fast nie vollständig. Dies liegt einerseits an den technischen Limitationen der damaligen Zeit, doch sind die praktischen Effekte wesentlich besser gealtert als beispielsweise das animierte Wesen aus dem dritten Teil. Der wichtigere Grund ist die bereits erwähnte Dosierung. Doch ALIEN ist nicht nur ein überzeugendes Drehbuch mit glaubwürdigen Charakteren und wohl dosierter Horror, sondern auch ein Augenschmaus in Sachen Produktionsdesign und Bildkomposition. Ridley Scotts Einstellungen verleihen der düsteren Atmosphäre an Bord der Nostromo in zahlreichen Einstellungen eine Tiefe, die mancher 3D-Film nicht erreicht. Dabei werden alle Bildebenen involviert, wie der nachfolgende Screenshot veranschaulicht (siehe dazu diesen interessanten Artikel von Jim Emerson).

ALIEN

Insgesamt entsteht durch das Zusammenspiel von authentischem Spiel (einer hochkarätigen Besetzung), visionärem Produktionsdesign, intelligentem Drehbuch (Dan O’Bannon) und gekonntem Filmhandwerk ein Film, der in allen Belangen überzeugt und das SF-Genre nachhaltig beeinflusst hat (ein extrem offensichtliches Beispiel wird in diesem unterhaltsamen Video gegeben). Von den zahlreichen Fortsetzungen konnte lediglich James Camerons zweiter Teil diesem Original ansatzweise das Wasser reichen, doch Ridley Scotts ALIEN bleibt seit 1979 unerreicht und ist von der ersten Minute bis zum letzten Logbucheintrag Ripleys als letzte Überlebende der Nostromo ein Meisterwerk und Muss für jeden Cineasten.

ALIEN
UK, USA 1979
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Dan O’Bannon
Kamera: Derek Vanlint
Schnitt: Terry Rawlings, Peter Weatherley; David Crowther (Director’s Cut)
116 min.

10/10

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Kommentare
  1. Schön geschrieben, kann ich weitestgehend so unterschreiben. Interessant wäre auch ein Beitrag gewesen, der Kinofassung und Director’s Cut vergleicht (für mich haben beide ihre Vorzüge).

    • indy sagt:

      Danke! Ja, ein Vergleich wäre tatsächlich interessant gewesen, allerdings liegen meine Sichtungen der beiden Versionen zu weit auseinander. Ich werde aber, was den dritten Teil angeht, auf die Unterschiede eingehen, da sie dort an vielen Stellen massiv sind!

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