Verschont wird sie wahrlich nicht, die gute Lieutenant Ripley (Sigourney Weaver). Nachdem sie sich auf dem Gefängnisplaneten Fiorina 161 nur noch mit dem Freitod zu helfen wusste, fällt 200 Jahre später skrupellosen Wissenschaftlern nichts besseres ein, als die Verstorbene mittels DNA-Proben aus Blutresten zu klonen. Dabei geht es weniger um die Wiederauferstandene Ripley, sondern mehr um das, was in ihrem Körper steckt. Denn die Erbinformation einer Alien-Königin hat sich scheinbar mit dem Genom Ripleys vermengt, so dass der gefährliche Organismus miterzeugt wird. All das geschieht an Bord des militärischen Schiffes USM Auriga, wo das United Systems Military unter dem Kommando von General Perez (ein herrlicher Dan Hedaya) daran forscht, Aliens zu züchten (und natürlich als Waffen zu verwenden). Das Ganze spielt sich offensichtlich jenseits legaler Sphären ab, daher werden auch kriminielle Schmuggler benötigt, die eine wertvolle Fracht liefern (wie wir inzwischen wissen, legen Königinnen Eier, und die darin enthaltenen Facehugger benötigen einen Wirt). Dies sind Elgyn (Michael Wincott) und seine Crew der Betty. Sind die Menschen mehr als 250 Jahre nach dem ersten Kontakt der Nostromo mit dem Xenomorph schlauer, vorbereiteter, vorsichtiger geworden? Das sollte man meinen, doch natürlich kommt es zur Katastrophe und zum Sicherheits-GAU. Und wieder heißt es: Überleben oder drauf gehen …

ALIEN: RESURRECTION

She’s a queen. She’ll breed. You’ll die. (Ripley)

Nach Ridley Scott (ALIEN, 1979), James Cameron (ALIENS, 1986) und David Fincher (ALIEN³, 1992) drehte Jean-Pierre Jeunet also den vierten Teil der Alien-Saga. Bekannt ist der Franzose vor allem durch LE FABULEUX DESTIN D’AMÉLIE POULAIN (2001), einem der schönsten Filme der 00er-Dekade. Mit ALIEN: RESURRECTION zeigt er seine Liebe fürs Skurrile und verpasst dem Film trotz seines dunklen Themas jede Menge humorvoller Noten. Das Drehbuch schrieb übrigens Joss Whedon (SERENITY, THE AVENGERS) Keine Frage: Die Grundidee des Franchises war zu diesem Zeitpunkt schon längst ausgelutscht, und in seiner Essenz ist ALIEN: RESURRECTION nichts weiter als eine weitere Iteration bekannter Momente. Aliens tauchen auf und morden die Crew, man rennt vor ihnen davon, man bekämpft sie, die meisten sterben beim Versuch, am Ende gewinnt Ripley. Auch in Jeunets Film läuft alles größtenteils so ab. Die große Frage ist also eher: Kann man diesem Film dennoch etwas abgewinnen? Ich habe mir diese Frage schon oft gestellt, denn jedes Mal, wenn ich an den Film denke, rangiert er in der Liste ganz unten unter „nicht weiter nennenswert“. Doch ähnliche Probleme hatte bereits Finchers ALIEN³. Tatsächlich gibt es Momente in ALIEN: RESURRECTION, die mir irgendwie doch gefallen und aus dem Film eine gewisse Unterhaltung machen. Zunächst einmal darf man ihn nicht besonders ernst nehmen. Der Plot ist sehr konstruiert, und die ursprüngliche Prämisse, nun, lieber nicht drüber nachdenken. Doch nimmt man das alles hin, bleibt dennoch eine recht banale und herkömmliche Geschichte übrig, die sich an Bord der Auriga ereignet. Unterhalten werde ich in erster Linie von einigen skurrilen und witzigen Charakteren, allen voran der großartige Dan Hedaya (THE USUAL SUSPECTS) als Befehlshaber des Schiffes. Seine überzeichnete Karikatur unterstreicht vielleicht am besten, wie man ALIEN: RESURRECTION einordnen sollte. Auch Brad Dourif (THE FELLOWSHIP OF THE RINGS) als Gott-spielender Wissenschaftler, der beinahe eine erotisch gefärbte Beziehung zu seinem Forschungsgegenstand entwickelt, gehört zu den Highlights. Michael Wincott (ROBIN HOOD – PRINCE OF THIEVES, THE CROW) sehe ich immer gern. Ja, und es gibt sogar einige gelungene Momente, wie z.B. die Szene zwischen Dourif und den Xenomorphs, in der wir miterleben, wie die Wesen sehr schnell lernen und schließlich ihren Ausbruch aushecken. Mein Lieblingsmoment im Film war seit dem damaligen Kinobesuch stets die Unterwasserszene, bei der ich immer versucht hatte, die Luft mit anzuhalten (und feststellen musste, dass ich zweifellos unter den ersten Opfern gewesen wäre). Und dann gibt es noch das Wesen ganz am Ende, die erste Lebendgeburt einer Alien-Königin, die eigentlich nur eine Art letzten Schocker-Moment und etwas Abwechslung bringen soll, denn außer sterben macht sie nicht viel. Die Idee dieses Mischwesens war nicht ganz übel und abwegig, doch wirklich ausgearbeitet war sie nicht, und sie kam zu spät.

ALIEN: RESURRECTION

Schließlich ist ein Aspekt der mit interessanteste am Film, nämlich die Frage nach den wahren Monstern. Sind es wirklich die tödlichen Xenomorphs mit ihrem säurehaltigen Blut und dem ultimativen Raubtierinstinkt? Oder sind es vielmehr die Menschen, repräsentiert von Wissenschaftlern, die bar jeglicher Ethik arbeiten und vor nichts zurückschrecken? Die in mehreren Versuchen, Ripley zu klonen, grotesk entstellte Kreaturen erschufen, wie in einer denkenswürdigen Szene gezeigt wird? Wie schon in den Filmen zuvor, wo die ominöse Firma Weyland-Yutani auf der Suche nach der ultimativen Waffe und dem damit einhergehenden ultimativen Profit über Leichen ging, arbeiten jetzt Wissenschaftler gemeinsam mit dem Militär ohne jedwede Kontrolle und ohne moralischen Kompass und begehen dabei eine Monstrosität nach der anderen. Das sind die wahren Bestien, nicht die Aliens, und auch nicht die geklonte Ripley. Die Konsequenz dieser zerstörerischen Natur der Menschen erleben wir am Ende: Als die Auriga automatischen Kurs auf die Erde einnimmt, wundert man sich als Zuschauer vielleicht, warum die Charaktere gar nicht so sehr wegen möglicher Konsequenzen besorgt sind. Johner (Ron Perlman) kommentiert das Ganze sogar mit: „That shithole!“ Die letzte Einstellung zeigt uns schließlich, warum allzuviel Aufregung um die Erde nicht angebracht ist – sie ist schon längst zerstört. ALIEN: RESURRECTION hat jede Menge Schwächen und kränkelt in erster Linie an der Durchschnittlichkeit, doch einzelne Elemente machen den Film für mich noch immer zu einer gelegentlichen unterhaltsamen Sichtung.

ALIEN: RESURRECTION
USA 1997
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Drehbuch: Joss Whedon
Kamera: Darius Khondji
Schnitt: Hervé Schneid
116 min. (special edition)

6/10

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