Andy Weirs Roman The Martian (2011) gefällt mir in erster Linie aus zwei Gründen. Zunächst ist die Entstehungsgeschichte interessant, denn Weir veröffentlichte das Buch auf eigene Faust über Amazon als Kindle-Ebook, nachdem er seine Geschichte zunächst auf seinem eigenen Blog in Episoden veröffentlicht und großen Zuspruch erhalten hatte. Auf Amazon katapultierten sich die Verkaufszahlen (er hatte das Buch für den Kindle-Minimalpreis von 0,99 USD ausgepreist) schlagartig in die Höhe, so dass er in den dortigen SF-Charts landete, wodurch der Verkauf weiter explodierte. Es dauerte nicht lange, da wurde ihm ein Print-Deal angeboten, ein Manager stand vor der Tür, und schließlich kaufte Hollywood die Drehbuchrechte. Die Erfolgsgeschichte eines SF-Geeks, der hauptberuflich als Android-Programmierer arbeitet und nun hofft, mit entsprechender finanzieller Perspektive sich ganz dem Autorendasein zuwenden zu können.

Doch der zweite interessante Aspekt an The Martian ist das Festhalten an wissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen. The Martian ist zwar Science Fiction, doch Hard Science Fiction, die akribisch recherchiert und bis auf wenige Ausnahmen fest in der realen Welt verankert ist. NASA-Astronauten, die The Martian gelesen haben, attestieren dem Buch einen hohen Grad an Realismus. Dabei arbeitete Weir in pingeliger Online-Recherche und schuf die Geschichte um einen Astronauten einer NASA-Marsmission, der nach einem Notfall totgeglaubt von der übrigen Crew alleine auf dem Mars zurückgelassen wird und nun zusehen muss, wie er seine Situation überlebt. Realismus schön und gut, Weirs Roman ist aber auch eine gelungene Erzählung mit kluger Dramaturgie und einem charismatischen Protagonisten, der in der insgesamt eher upbeat Geschichte selten seinen Humor und seinen Lebenswillen verliert, und in MacGyver’scher Manier ein Problem nach dem anderen zu lösen versucht. Doch genug zum empfehlenswerten Buch, denn diese Rezension möchte sich mit der Verfilmung befassen.

THE MARTIAN

I’m going to science the shit out of this! (Mark Watney)

Kein geringerer als Regieveteran Ridley Scott (ALIEN, BLADE RUNNER, GLADIATOR, PROMETHEUS) nahm das Steuer in die Hand, nachdem Drehbuchautor Drew Goddard (WORLD WAR Z, THE CABIN IN THE WOODS), der zuerst Regie führen sollte, das Projekt verließ. Ein Anruf bei der NASA sorgte dann dafür, dass die amerikanische Raumfahrtbehörde sofort das PR-Potential dieses Projekts erfasste und seitdem in enger Zusammenarbeit mit Scott und seiner Crew an der Verfilmung dieses Abenteuers arbeitete. Dadurch gewannen die Filmemacher einen Einblick in aktuelle Forschung und Technik der NASA, der über das Produktionsdesign direkt in den Film einfließen konnte. Die NASA, die stets mit einem schrumpfenden Budget zu kämpfen hat (bekanntermaßen führen die USA lieber Krieg) und von manchen nur noch abfällig als low orbit Bürokratie angesehen wird, braucht die öffentliche Meinung, um öffentliche Gelder zu mobilisieren und damit ihr Marsprojekt antreiben zu können. Was ist eine geeignetere Werbung als ein guter, optimistischer und visuell beeindruckender Kinofilm? Man denke an die Erfahrungen nach dem Erscheinen von Ron Howards APOLLO 13 (1995) zurück. Gedreht wurde in der jordanischen Wüste sowie im Studio in Budapest. Ridley Scott konnte auf eine Starbesetzung zurückgreifen, die neben dem Frontmann Matt Damon (THE BOURNE IDENTITY, OCEAN’S ELEVEN, TRUE GRIT) als Botanist Mark Watney auch Jessica Chastain (THE TREE OF LIFE), Chiwetel Ejiofor (12 YEARS A SLAVE), Jeff Daniels (LOOPER), Sean Bean (THE FELLOWSHIP OF THE RING), Michael Peña (END OF WATCH) und Kate Mara (HOUSE OF CARDS, TRANSCENDENCE) umfasst. Matt Damon hatte die nicht ganz einfache Aufgabe, eine isolierte Figur zu spielen, die einerseits optimistisch, altklug und humorvoll ist, ohne dabei gänzlich unbeeindruckt von den extremen Ereignissen zu wirken. Tatsächlich macht er dabei einen sehr guten Job, und seine schauspielerische Leistung dürfte eine der besten sein, die er in letzter Zeit abgerufen hat. Er überzeugt sowohl in den Momenten kurzer Verzweiflung und Wut, die jedoch nicht Überhand annehmen, als auch in der Darstellung seiner täglichen Routine. Sein etwas eigenwilliger Charakter wird wie auch im Roman gut und glaubwürdig repräsentiert. Mark Watney ist keiner, der den Kopf in die Hände vergräbt und angesichts seiner Perspektiven in eine Depression verfällt. Dies ist ein Aspekt, auf den Andy Weir von Anfang an Wert gelegt hatte. Er wollte keinen Schwerpunkt auf den psychologischen Niedergang eines isolierten Menschen, sondern stattdessen das Überlebensabenteuer eines hoch qualifizierten Problemlösers.

THE MARTIAN

Und so beobachten wir Mark Watney, wie er nach der anfänglichen Katastrophe eine Inventur durchführt und damit beginnt, sein Überleben zu sichern, ehe die nächste Mars-Mission so weit ist und ihn abholen kann. Dabei gelingt ihm unter anderem das Kunststück, in seinem Habitat auf Marsboden, den er mit seinen eigenen Fäkalien anreichert (er braucht die Bakterien, die in der Marserde fehlen), Kartoffeln anzubauen. Ein erster wichtiger Schritt zum Überleben. Er muss weitere Leistungen erbringen, so zum Beispiel Wasser herstellen, ausreichend Energie für seinen Rover zur Verfügung stellen und irgendwie die Kommunikation mit der Erde wiederherstellen. Es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen. Das Ganze spielt vor der beeindruckenden Kulisse der Marsoberfläche, die von Ridley Scott und seinem VFX-Team in eindrucksvoller visueller Brillanz rekreiert wurde. Die zahlreichen Aufnahmen auf der ewigen Wüste des Mars sind ein feuchter Traum für jeden Weltraum-Enthusiasten und cineastisch höchst beeindruckend. In einer Zeit und auf einem Stand der Technik, wo wir von VFX überflutet werden und sie als selbstverständlich zur Kenntnis nehmen, überrascht es immer, wenn Bilder noch immer faszinieren können. Der Mars wirkt wie eine echte Location, und man muss vor den Leuten der Postproduktion den Hut ziehen. Es gab schon zahlreiche Filme, die auf dem Mars spielten, doch THE MARTIAN ist mit Abstand der beste und schönste bisher. Er kommt auch ganz ohne Aliens, Monster, Zombies oder gar Bösewichter aus, im Gegensatz zu eher enntäuschenden Titeln wie MISSION TO MARS (2000, Brian De Palma), RED PLANET (2000, Antony Hoffman) oder THE LAST DAYS ON MARS (2013, Ruairi Robinson). Während wir also Watney begleiten, der mittels regelmäßiger Video-Logbucheinträge sein Tagebuch für die Nachwelt führt (das ganze Habitat ist im Big Brother Stil mit zahlreichen Kameras versehen, die ebenso am Anzug und am Rover angebracht sind), bekommen wir auch einen Einblick in die Ereignisse auf der Erde, wo die NASA-Verantwortlichen alles ihnen Mögliche unternehmen, um Mark Watney zu retten. Da es sich hier um Hard-SF handelt, stellt sich das als nicht gerade einfach heraus, denn die Gesetze der Himmelsmechanik müssen beachtet werden. Die Szenen bei der NASA und den Ingenieuren von NASAs JPL (Jet Propulsion Laboratory)  erinnern am meisten an APOLLO 13, wobei sie wie der gesamte Film wesentlich weniger überdramatisch gehalten sind und auch an diesen Stellen viel Humor aufkommt (THE MARTIAN wurde ja groteskerweise tatsächlich in der Kategorie Comedy/Musical bei den Golden Globes eingereicht und gewann auch, doch eine Komödie ist der Film noch lange nicht; und wenn auch Sean Beans „Elrond-Szene“ reichlich meta ist, so ist sie dennoch zufällig, denn sie stand so bereits im Buch, also vor seinem Casting).

THE MARTIAN

Doch es gibt noch den dritten Erzählstrang, nämlich die Rückreise der Hermes, in welcher sich die Crew befindet, die den Mars und Mark Watney zurücklassen musste. Entsprechend herrscht gedrückte Stimmung an Bord, und besonders Kommandantin Lewis (Chastain) ist deprimiert von ihrer Entscheidung. Tatsächlich dauert es eine Weile, ehe sich die NASA-Bürokraten entscheiden, die Hermes-Besatzung darüber zu informieren, dass Watney noch am Leben ist. Wie letztlich Watneys Fortschritte und Rückschläge verlaufen, und wie seine Rettung von außen vorbereitet wird, darüber verrate ich in dieser Rezension natürlich nichts (Ausnahmen sind entsprechend vermerkt). Zu Anfang hatte ich darauf hingewiesen, dass THE MARTIAN in fast jeder Hinsicht wissenschaftlich plausibel ist. Es gibt jedoch Ausnahmen, und Autor Weir teilte selbst mit, dass die anfängliche Prämisse, nämlich der Staubsturm, der die Crew zur Evakuierung zwingt, eine künstlerische Freiheit war. Denn tatsächlich sind Stürme auf dem Mars eher harmlos aufgrund des geringen Atmosphärendrucks. Was uns auf der Erde umhauen würde, würden wir auf dem Mars lediglich als Brise wahrnehmen. Weir war bereit, für den Film an einem alternativen Anfang zu arbeiten, doch Scott entschied sich, beim Staubsturm zu bleiben, da dieser cineastisch einfach beeindruckend ist. An dieser Stelle muss man also ein Auge zudrücken. Ansonsten habe ich nur einen weiteren Kritikpunkt, was die Plausibilität angeht. Die Hermes ist ein wunderschönes Raumschiff, und das Setdesign ist so grandios und beeindruckend, dass ich am liebsten selbst an Bord wäre. Doch das Schiff ist viel zu groß und luxuriös für eine in nicht weiter Zukunft angesiedelte NASA-Marsmission. Auch diesen Punkt kann man verschmerzen, denn die eindrucksvollen Szenen auf der rotierenden Hermes lassen wirklich mit der Zunge schnalzen. Mit absolutem Realismusanspruch sollte man es schließlich auch nicht übertreiben (siehe Neil DeGrasse Tysons Kommentar zum Film), denn in erster Linie steht noch immer das filmische Erlebnis, wie man am Beispiel des wissenschaftlich kaum plausiblen, dafür fantastischen SF-Katastrophenfilms GRAVITY (2013, Alfonso Cuarón) sehen kann. Zu guter Letzt kann man noch den Vergleich zwischen Roman und Film herbeibemühen. Zu weiten Teilen hält sich der Film genau an das Buch, doch es gibt kleinere und größere Änderungen an manchen Stellen. Der Schlussakt erlebte die meisten Veränderungen:

[SPOILERWARNUNG] Die Rettung Watneys im Marsorbit verläuft im Buch ein wenig anders, und ich bevorzuge Weirs Variante, in der wie geplant Beck mit der Hilfe Vogels Watney aus dem MAV holt und nicht Lewis. Meiner Meinung nach möchte der Film hier unntötig dramatischer sein, als die Geschichte bereits ist. Außerdem hängte Scott noch einen Epilog an, der die Protagonisten nach den Ereignissen zeigt. Diese Entscheidung kann ich nachvollziehen, da Weirs Roman am Ende ziemlich abrupt endet. Außerdem werden natürlich einige Momente aus dem Roman, in erster Linie Watneys tägliche Arbeit, ausgelassen. So z. B. Details und Beschreibungen bei seinen Konstruktionen und seine Überlegungen und Erläuterungen dazu. Aber auch Watneys lange Reise zum Schiaparelli-Krater, wo das MAV auf ihn wartet, wird im Buch ausführlicher und dramatischer behandelt, denn kurz vor dem Ziel kippt zu allem Unglück sein Rover um und er muss zusehen, wie er weiterkommt.[/SPOILER]

THE MARTIAN

Insgesamt handelt es sich bei THE MARTIAN um einen überaus gelungenen, bisweilen sehr guten Film, der in quasi allen Belangen punktet und sich wesentlich weniger wichtig nimmt als etwa INTERSTELLAR (2014, Christopher Nolan). Dabei beeindrucken in erster Linie die großartigen Marsbilder und das Spiel des Hauptdarstellers. Es ist aber auch schön zu sehen, dass Ridley Scott nach der SF-Enttäuschung PROMETHEUS (2012) und dem unnötigen Ausflug in eine Fantasyverfilmung (EXODUS: GODS AND KINGS, 2014) wieder zu alter Stärke im SF-Genre gekommen ist, in dem er doch für unsterbliche Klassiker wie ALIEN und BLADE RUNNER gesorgt hat. Vielleicht wird ALIEN: COVENANT ja doch noch etwas, man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

THE MARTIAN
USA 2015
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Drew Goddard
Kamera: Dariusz Wolski
Schnitt: Pietro Scalia
144 min.

9/10

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Kommentare
  1. Tue mich immer schwer mit Filmen, die wegen ihrer Authentizität gepriesen werden, mit dem Hinweis, dass natürlich viel nicht authentisch ist und man das verzeihen soll. Der Staubsturm ist ein Witz für mich für einen Film der „Hard Sci-Fi“ propagiert. Auch das Ende ist natürlich hahnebüchenes 0815-Hollywood-Blockbuster-Kino und die ganzen MacGyver-Episoden mitten drin wirkten auf Dauer ermüdend (kann aber auch an den platten Monologen von Whatney gelegen haben) . Grundsätzlich aber sicherlich ein sehenswerter Sci-Fi-Film, wenn auch für mich jenseits der Genre-Größen.

    • indy sagt:

      „… nicht viel authentisch ist …“ stimmt in dem Fall ja nicht, da es sich bei THE MARTIAN nur um einen sehr geringen Anteil handelt, der nicht authentisch ist, verglichen mit gesamten Rest, der plausibel und valide ist. Du schreibst zwar im ersten Satz allgemein von „Filmen“, verbindest das Argument aber direkt mit THE MARTIAN, was ich etwas merkwürdig finde.

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