BLUE VALENTINE

Veröffentlicht: 19. Oktober 2016 in reviews
Schlagwörter:, , , , , , ,

Diese Review enthält leichte Spoiler.

Ein Film wie BLUE VALENTINE verspricht keinen angenehmen Wohlfühlabend. Keinen romantischen Kitsch, der einen mit Happy End und warmem Gefühl im Bauch entlässt. Stattdessen ist der Film ein vorbildliches Beispiel an Ehrlichkeit. Ehrlichkeit in seiner Handlung, im Spiel seiner Darsteller und in der Inszenierung. Zwei junge Menschen lernen sich kennen. Cindy (Michelle Williams) möchte Medizin studieren und später Ärztin werden. Ihre Familie kommt aus der Mittelklasse. Dean (Ryan Gosling) ist ein Umzugshelfer ohne Schulbildung. Beide lernen sich zufällig im Altenheim kennen, wo er bei einem Umzug arbeitet, während sie ihre Großmutter besucht. Sie verlieben sich, sie heiraten. Sechs Jahre später ist von der Leichtigkeit und dem Hochgefühl nichts mehr übrig geblieben. Cindy arbeitet als Krankenschwester, Dean als Maler. Sie wirft ihm vor, nichts aus seinem Potential zu machen. Er verteidigt sich damit, dass er glücklich sei mit dem, was er hat. Cindy ist frustriert mit ihrem Leben und empfindet nichts mehr für Dean. Dean trinkt gerne mal, versucht ansonsten aber, die Ehe zu bewahren, wie es nur geht. Beide ziehen ein inzwischen sechsjähriges Mädchen auf.

BLUE VALENTINE

BLUE VALENTINE springt in seiner Narration zwischen den beiden Zeitebenen geschickt hin und her. Dabei werden diverse Handlungselemente sukzessive aufgedeckt, wodurch Verhaltensweisen von beiden Protagonisten nachvollziehbar werden. Der Zuschauer wird zum intimen Zeugen einer Beziehung, die zu Bruch geht, die vielleicht niemals in dieser Form hätte eingegangen werden sollen. Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platz. Zu einfach wäre es, Dean als Übeltäter zu erklären, weil er trinkt, weil er sich gehen lässt, weil er keine großen Ambitionen mehr hat, weil er ein impulsiver Kindskopf ist. Es ist richtig, dass einige seiner Handlungen im Verlauf der Geschichte schlichtweg falsch sind, doch sie sind allesamt nachvollziehbar und erklären sich aus den Ereignissen. Da hat sich etwas angestaut, was irgendwann losgelassen wird. Doch Dean ist auch ein liebevoller Vater eines Kindes, das höchstwahrscheinlich nicht einmal sein eigenes ist. Er war es, der der schwangeren Cindy ohne mit der Wimper zu zucken vorgeschlagen hatte, eine Familie zu gründen, und sie damit auffing, als sie sich verloren glaubte. Er besucht die Schulaufführungen seiner Tochter, spielt mit ihr, bringt durch seine Malerarbeiten Geld ins Haus. Cindy konnte ihre Ambitionen nicht erfüllen. Die Schwangerschaft hat ihre Pläne auf den Kopf gestellt, und ihr Dasein als Krankenschwester reicht ihr nicht. Zuhause ist sie müde, apathisch und zusehends von Dean angewidert. Die Probleme, die sie auch bezüglich ihn hat, lassen sich gut in einer Dialogszene zwischen beiden erkennen, nachdem Cindy unerwartet im Supermarkt auf ihren Ex-Freund gestoßen ist. Der verzweifelte Versuch Deans, die Ehe durch einen romantischen Aufenthalt in einem Themenhotel zu retten, ist vergebens.

BLUE VALENTINE

Regisseur Derek Cianfrance arbeitete etwa 12 Jahre an BLUE VALENTINE, schrieb an über sechzig Drehbuchentwürfen und musste verzweifelt um die Finanzierung dieses Indie-Films kämpfen. Er wollte gerne sechs Jahre Pause zwischen den gedrehten Zeitebenen haben, die ihm nicht gegönnt wurden. Der Mangel an Geld und Zeit, aber auch das Gespür für den Stoff führten dazu, dass der Film quasi dokumentarisch, mit selten mehr als einem Take, und viel Improvisation seitens der Hauptdarsteller umgesetzt wurde. Ryan Gosling (DRIVE) und Michelle Williams (BROKEBACK MOUNTAIN) sind dabei ein Glücksgriff gewesen. Beide verkörpern ihre Rollen in einer authentischen und höchst glaubwürdigen Weise. Ihr Spiel ist schonungslos ehrlich, sowohl in den kindlich-romantischen Annäherungsszenen zu Beginn als auch in den schmerzhaften und hoffnungslosen Auseinandersetzungen, die sechs Jahre später spielen. Beide liefern eine großartige schauspielerische Leistung ab. Doch vor allem Cianfrances Regieleistung muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden. Die gewählte fragmentierte Erzählform ist keine artsy fartsy Spielerei, sondern essentiell für das Verständnis des Zuschauers und die Struktur des gesamten Projekts. Eine Montage hat es mir vor allem angetan, nämlich der erste Blickkontakt zwischen Dean und Cindy, der im Film über die Zeitebenen hinweg geschieht und erst nach einer Weile nachzuvollziehen ist. Ein großartiger Moment in einem großartigen, wenn auch ungemein traurigen Film.

BLUE VALENTINE
USA 2010
Regie: Derek Cianfrance
Drehbuch: Derek Cianfrance, Joey Curtis, Cami Delavigne
Kamera: Andrij Parekh
Montage: Jim Helton, Ron Patane

9/10

Kommentare
  1. Mochte den gar nicht den Film. Zu nichtssagend gewesen für meinen Geschmack.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s