Top 5 des Monats: Oktober 2016

Veröffentlicht: 4. November 2016 in top 5 of the month
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Selten ist mir eine Filmauswahl so schwierig erschienen wie im letzten Monat. Für die nachfolgende Liste musste ich zahlreiche großartige Filme streichen, die eigentlich genannt werden müssten, darunter Jean-Pierre Melvilles L’ARMÉE DES HOMBRES (1969), Luis Buñuels BELLE DE JOUR (1967), John Fords THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE (1962) und Roberto Rossellinis PAISÀ (1946). Festgelegt habe ich mich schließlich auf fünf wunderbare Filme aus verschiedenen Ländern, bis auf eine Ausnahme allesamt aus den Sechziger Jahren:

Meine Top 5 Filme im Oktober 2016:

5. Platz: BLOW-UP (UK, ITA, USA 1966, Regie: Michelangelo Antonioni)

BLOW-UP

BLOW-UP zählt womöglich zu den Filmen, die besonders (aber nicht nur) Filmemachern gefallen. Denn der der Arbeitsprozess des Modefotografen Thomas (David Memmings) wird im Detail geschildert und von Antonioni meisterlich inszeniert. Bei einem seiner Spaziergänge macht Thomas einige Schnappschüsse, wobei er zufällig Zeuge einer Szene wird, die ihn im Anschluss nicht mehr loslässt. Er untersucht seine Fotos, vergrößert sie immer weiter und ordnet sie in seinem Atelier an, um das vermeintliche Rätsel zu lösen. Bildet er sich alles nur ein, oder ist er gar Zeuge eines Verbrechens geworden? BLOW-UP ist ein großartiger Film, der zum einen die Swinging Sixties in London porträtiert und gleichzeitig die Obsession vermittelt, mit der sich die Hauptfigur in ihre Entdeckung stürzt. Wer hier spontan an Coppolas THE CONVERSATION (1974) und De Palmas BLOW OUT (1981) denkt, liegt sicher nicht falsch. Im Film gibt es übrigens einen Auftritt der Rockband The Yardbirds mit den beiden Kultgitarristen Jimmy Page und Jeff Beck!

4. Platz: LA BATTAGLIA DI ALGERI [THE BATTLE OF ALGIER] (ITA, ALG 1966; Regie: Gillo Pontecorvo)

LA BATTAGLIA DI ALGERI

Die Ereignisse um den Ausbruch der Gewalt zwischen dem unterdrückten algerischen Volk und den französischen Kolonialherren, die schließlich zur Unabhängigkeit Algeriens führten, wurden von Gillo Pontecorvo in einem bewegenden und intensiven Film dargestellt. Dabei ging der Regisseur im Stile des italienischen Neorealismus vor und drehte das Aufeinandertreffen der FLN mit der französischen Armee an Orginalschauplätzen mit einem Cast, der fast ausschließlich aus Laien bestand. Umso beeindruckender ist das Resultat, das von kleinen Setups bis zu kompliziert choreografierten Massenszenen reicht. Obgleich er eine Objektivität wahren möchte, spricht sich der Film zum Glück dennoch eindeutig für das unterdrückte Volk und gegen die Imperialisten aus. Trotzdem versucht Pontecorvo, zumindest in der Darstellung der Gewalt ein Gleichgewicht zu erzeugen und zu zeigen, dass Rebellen verabscheuungswürdige Methoden anwenden (müssen), um sich gegen einen übermächtigen Gegner zu behaupten. Die Franzosen jedoch, von denen einige Veteranen Jahre zuvor noch in der Résistance gegen die Besatzungsmacht der Nazis gekämpft hatten, befinden sich in Algerien auf der anderen Seite. Eine bittere Ironie, auf die der Film ebenso eingeht. LA BATTAGLIA DI ALGERI ist einer der bedeutendsten politischen Filme, der in Frankreich und England bezeichnenderweise bis 1971 verboten war.

3. Platz: IKIRU (JAP 1952, Regie: Akira Kurosawa)

IKIRU

Akira Kurosawas IKIRU basiert in seiner Grundidee auf Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch (1886): Ein Bürokrat erfährt, dass er krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. Mit einem Mal stellt er sich die Frage, was er mit seinem bisherigen Leben angefangen hat. Wie konnte er es dermaßen verschwenden? Eine existentielle Angst packt ihn und er versucht, in seiner verbleibenden Zeit das echte Leben zu leben, ohne wirklich zu wissen, wie das gehen soll. Takashi Shimura, der langjährige Arbeitspartner Kurosawas, spielt die Hauptfigur in diesem grandiosen Drama, das nicht nur liebevoll erzählt, sondern auch in seiner Struktur interessant aufgebaut ist. Kurosawa hatte zwei Jahre zuvor RASHÔMON (1950) gedreht und international auf sich aufmerksam gemacht. Zwei Jahre nach IKIRU realisierte er seinen wohl berühmtesten Film SEVEN SAMURAI (1954). Der von diesen beiden Meisterwerken eingerahmte Film IKIRU gehört in Kurosawas überragender Filmographie ebenfalls zu seinen besten Werken und ist ein Klassiker, der universale Gültigkeit hat.

2. Platz: IL GATTOPARDO [THE LEOPARD] (ITA, FRA 1963; Regie: Luchino Visconti)

IL GATTOPARDO

In die Arbeit des Regie-Giganten Luchino Visconti arbeite ich mich seit einiger Zeit ein. Der aus einer Mailänder Aristokratenfamilie stammende Regisseur war nicht nur am Filmset zuhause, sondern auch am Theater und in der Oper. IL GATTOPARDO ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der das Leben einer sizilianischen Adelsfamilie in den Umwälzungen während des Risorgimento beschrieb. Der Autor wusste, wovon er schrieb, da er der Urenkel des Protagonisten war. Somit bearbeiteten zwei Menschen den Stoff, die eine enge Verbindung mit der italienischen Aristokratie hatten. Obwohl Visconti sich vom Adel löste und Kommunist war, behandelt er in IL GATTOPARDO die Hauptfigur mit einem zärtlichen Verständnis für die Traditionen und der Melancholie einer untergehenden Welt. Der Film ist zum einen ein grandioses Kostümdrama, das zudem mit u. a. Burt Lancaster, Alain Delon und Claudia Cardinale starbesetzt ist, doch vor allem ist er eine tiefgründige psychologische Studie. In seiner langen Laufzeit lernen wir Don Fabrizio Corbera (Lancaster) so gut kennen und begreifen sein Weltbild und seinen mentalen Zustand so umfassend, dass der Schlussakt überhaupt erst funktionieren kann. In einer ca. dreiviertelstündigen Szene, in welcher der Dialog seitens des Hauptdarstellers auf ein Minimum reduziert ist, inszeniert Visconti den Untergang einer Klasse auf eine Art, wie man sie im Film leider nur selten erlebt. Ohne die Vorarbeit vor dieser Szene würde sie nicht funktionieren. Das Spiel Lancasters ist subtil und seine Körpersprache vermittelt dem Zuschauer alles, was er wissen soll. Wer sich bei solchen oder anderen opulenten Szenen des Films unweigerlich an ähnliche Momente in Coppolas THE GODFATHER (1972) oder Ciminos THE DEER HUNTER (1978) erinnert, der begreift schnell den enormen Einfluss, den Visconti auf zahlreiche Filmemacher hatte.

1. Platz: LE SAMOURAÏ (FRA, ITA 1967, Regie: Jean-Pierre Melville)

LE SAMOURAI

Jean-Pierre Melville war für mich bisher immer nur ein Name, den ich zwar halbwegs zuordnen konnte, aber dessen Filme ich bis dato nie gesehen hatte. Im Oktober hat sich das geändert, und nachdem ich drei seiner Filme anschauen konnte, nämlich LE SAMOURAÏ (1967), L’ARMÉE DES HOMBRES (1969) und LE CERCLE ROUGE (1970), wollte ich am liebsten gleich alle drei in diese Liste packen. Entschieden habe ich mich schließlich für LE SAMOURAÏ, dem Kultfilm um den Profikiller Jef Costello (Alain Delon), der nach strengem Kodex lebt und von seinen Auftraggebern hinters Licht geführt wird. Es ist schwer auszumachen, was genau mir an dem Film gefällt, da quasi alles richtig gemacht wurde. Nach mehrmaliger Sichtung komme ich zu dem Schluss, dass in diesem Film rein gar nichts überflüssig ist. Jedes Element hat eine relevante Bedeutung für die Handlung oder die Charaktere. Das Production Design sowie die Kameraarbeit sind überragend. Viele Szenen kommen fast vollständig ohne Dialog aus und sind minimal geschnitten. Die Spannung wird aus der Handlung erzeugt, nicht durch den Schnitt. Ein Lehrstück, von dem sich die meisten zeitgenössischen Regisseure eine Scheibe abschneiden sollten. Insgesamt fallen auch die durchweg interessanten Texturen und Farben auf, etwa Costellos Zimmer oder die nassen Gehwege und Autofenster in Paris (in dieser Hinsicht erinnert Melville an Sergio Leone und auch an Andrei Tarkowski). Alain Delon, damals der Superstar schlechthin, spielt den Killer mit stoischem Kalkül. Jede seiner Gesten ist begründet und deutet den weiteren Handlungsverlauf an. LE SAMOURAÏ ist ein fantastischer, stilisierter Gangsterfilm, der Melvilles Liebe für das amerikanische Kino widerspiegelt. Melville ist ein weiteres Beispiel für die globale gegenseitige Beeinflussung und Weiterentwicklung der großen Filmregisseure.

Kommentare
  1. Jan B. sagt:

    Zum 1. Platz Oktober 2016: Lieber indy, ich weiß wirklich nicht, wie Sie sich als Regisseur betätigen konnten, ohne (bis Oktober 2016) DEN Klassiker überhaupt des film noir gesehen (in Ihrem Jargon „gesichtet“) zu haben, aber vielleicht haben Sie sich ja ausschließlich mit Dokumentarfilmen beschäftigt? Welcher Jahrgang sind Sie eigentlich? Falls Sie zu den 1980er-Jahrgängen gehören sollten, habe ich für alles vollstes Verständnis.

    • indy sagt:

      Hallo Jan B.,

      ob man sich als Regisseur betätigen kann, ohne LE SAMOURAÏ gesehen zu haben? Na klar!

      Diese Frage wäre passender, wenn Sie sie einem Filmhistoriker stellen. Jemand, der für sich in Anspruch nimmt, ein akademischer Fachmann für z. B. den historischen film noir zu sein, muss entsprechende Filme (allerdings nicht primär LE SAMOURAÏ) gesehen haben, um in seiner Kompetenz ernst genommen werden zu können.

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