THE NEON DEMON

Veröffentlicht: 24. November 2016 in reviews
Schlagwörter:, , , , , , , , ,

Die sechzehnjährige Jesse (Elle Fanning) kommt nach Los Angeles in die vermeintliche Stadt der Engel, um dort eine Karriere als Model zu beginnen. Dort sorgt sie für Aufsehen – nicht nur bei der Makeup-Künstlerin Ruby (Jena Malone), die sofort von ihr fasziniert ist, sondern auch bei ihrer Konkurrenz, den Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee). Denn Jesse besitzt etwas, das die beiden nicht haben, und wird schon bald bei den Castings bevorzugt. Sie erobert die Herzen der Modedesigner und Fotografen, und wird schließlich von der Modewelt, dem Geschäft mit der Schönheit, vereinnahmt.

Regisseur und Co-Autor Nicolas Winding Refn (BRONSON, VALHALLA RISINGDRIVE) machte aus der Geschichte einen stilisierten Horrorfilm mit der Ästhetik des Fantastischen und Synthetischen. Ein großer Teil der Einstellungen wurde durch Spiegel und mit diffusen Objektiven realisiert. Die Beleuchtung ist minimal und auf Budgetlimits zurückzuführen, die Kamerafrau Natasha Braier zur Improvisation zwangen, dadurch aber die Kreativität anregten. Farbe ist ein wesentliches Element, wobei Rot die höchste Bedeutung hat und sich symbolträchtig durch die Handlung schlängelt. Dabei wird gleich zu Beginn angedeutet und vorweggenommen. Man kann den Film grob in zwei Teile aufteilen. Zunächst erleben wir eine recht gewohnte und klassische Geschichte, die jedoch mit ihrer unangenehmen Atmosphäre in traumartigen Sphären zu schweben scheint und an die Filme von David Lynch erinnert. Die minderjährige Jesse macht an einem bestimmten Punkt jedoch eine Wandlung durch, der Titel des Films ist Programm und sie scheint die Kontrolle zu übernehmen. Denn sie sei nicht so hilflos, wie sie wirke, so versichert sie Ruby. Der zweite Teil von THE NEON DEMON ist eine übernatürliche Fantasie und die Realität wird quasi vollständig verlassen.

THE NEON DEMON

Refn feiert mit dem Film den Narzismus seiner Charaktere und der (Mode)welt, doch auch seinen eigenen (im Vorspann lässt er unter den Credits seine Initialen „NWR“ stehen), um schließlich tatsächlich in einem TV-Commercial zu gipfeln. Elle Fanning (MALEFICENT), die beim Dreh selbst noch 16 bzw. 17 Jahre alt war, überzeugt als unschuldige Schönheit, die von der Branche korrumpiert wird. Ihre Minderjährigkeit zwang Refn, von expliziten sexuellen Szenen abzusehen und auf subtile Weise vorzugehen. Dadurch gewinnt der Film enorm an Zugkraft. Man kauft Fanning den Lolita-Effekt ab, den sie auf ihre Umwelt hat. Doch besonders Jena Malone (CONTACT, INHERENT VICE) und die fantastische Abbey Lee (MAD MAX: FURY ROAD) helfen dem Film mit der Gier und Sehnsucht ihrer Charaktere. THE NEON DEMON ist kein Film für das breite Publikum, was allgemein auf die Werke Winding Refns zutrifft. Der Zugang dürfte für viele Zuschauer schwerer sein als zu DRIVE (2011) (einer meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre), jedoch wesentlich einfacher und klarer als im Falle des kryptischen ONLY GOD FORGIVES (2013), über den ich mir heute noch immer nicht im Klaren bin. Dabei wird es bei THE NEON DEMON weniger um Verständnisprobleme gehen, denn es wird alles ziemlich unmissverständlich vermittelt, sondern eher um die Bereitschaft des Zuschauers, sich auf einen Fantasiefilm einzulassen, der sich (zumindest ab einem bestimmten Punkt) nicht in der Realität abspielt. Refn wählte für dieses Thema die geeignete Form und war zweifellos der richtige Regisseur für die Materie. Um die Modewelt so zu behandeln, musste sie oberflächlich, stilisiert, wunderschön und grotesk dargestellt werden. Dies gelingt ihm durch eine sehr grafische Komposition, dem Spiel mit Farben und Geometrie, sowie dem hypnotischen Soundtrack von Cliff Martinez, der die losen Enden verknüpft. Zudem lässt er Technik und soziale Medien aus dem Spiel (die man in einem anderen Film durchaus thematisch hätte einbauen können), wodurch der (wie alle Filme Refns chronologisch gedrehte) Film wie in einer Blase zu existieren scheint und etwas Zeitloses gewinnt. THE NEON DEMON ist ein großartiger, in mancherlei Hinsicht sogar komödiantischer, fantastischer Horrortrip und ein Highlight des Filmjahres.

THE NEON DEMON
USA, Frankreich, Dänemark 2016
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham
Kamera: Natasha Braier
Schnitt: Matthew Newman
117 min.

9/10

Weitere Nicolas Winding Refn Reviews:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s