ARRIVAL

Veröffentlicht: 2. Dezember 2016 in reviews
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ARRIVAL

Zwölf riesige, außerirdische Objekte erscheinen an verschiedenen Orten auf der Erde. Vereinzelt bricht Panik aus, aber in erster Linie dominieren Besorgnis und Neugier. Die Menschheit stellt sich natürlich die Frage: „Was wollen sie?“ Um die unverständlichen Laute der Wesen zu verstehen, wird die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) beauftragt, zusammen mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) die Kommunikation mit den Wesen herzustellen.

„Unheimliche Begegnungen“ sind im Kino sicher keine neuen Geschichten, doch wie immer ist es nicht die Idee, sondern ihre Umsetzung, die zählt und einen originellen Film ausmacht. Ein Plot wie der von ARRIVAL könnte innerhalb kürzester Zeit zu einem Actionspektakel à la INDEPENDENCE DAY (1996) degenerieren und von Klischee zu Klischee auf vorgetretenen Pfaden schreiten. Doch Denis Villeneuve, einer der interessantesten zeitgenössischen Regisseure, hatte etwas anderes im Sinn. Nach ARRIVAL hat er zunächst bewiesen, dass er in der Lage ist, Produktionen verschiedener Größenordnung zu stemmen, seien das kleine Psychotrips wie ENEMY (2013), vermeintliche Crime-Thriller mit größerer Logistik wie SICARIO (2015) oder eben SF-„Blockbuster“ wie ARRIVAL. Doch eines bleibt gleich: Villeneuve hat seine filmische Sprache schon lange gefunden, und sie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Filme. Er nimmt sich Zeit, er arbeitet viel mit bestimmten Farben (Gelb- und Brauntöne in seinen letzten drei Filmen), er studiert isolierte Charaktere, die sich in einer permanent unangenehmen Atmosphäre befinden. Sowohl ENEMY, als auch SICARIO und ARRIVAL haben das leicht verstörende Element, den Protagonisten, der nicht ganz mit seiner Umwelt im Einklang ist und meist einen inneren Konflikt durchlebt. Und somit wird aus ARRIVAL eben nicht der herkömmliche SF-Blockbuster mit zahlreichen Explosionen und Einzeilern, wie sie in unserem kollektiven Kinogedächtnis seit Jahrzehnten eingebrannt sind und uns kaum noch nachhaltig beeindrucken, sondern stattdessen ein atmosphärisch hypnotischer, spannender und anregender Film, unter dessen Oberfläche sich weit mehr verbirgt, als Handlung und Werbung zum Film vermuten lassen. Somit ähnelt ARRIVAL thematisch mehr Spielbergs CLOSE ENCOUTERS OF THE THIRD KIND (1977) und Zemeckis‘ CONTACT (1997).

ARRIVAL

Ohne ins Detail zu gehen, um Spoiler zu vermeiden, können gewisse Elemente genannt werden, die herausragen und den Film zu einem äußerst positiven Erlebnis machen. Hauptdarstellerin Amy Adams (THE MASTER) gibt eine wunderbare Vorstellung in einer nicht so einfachen Rolle, da sie auf mehreren Ebenen für eine Glaubwürdigkeit sorgen muss (nicht nur als renommierte Linguistin), die ihr jedoch gelingt. Ihr Spiel und die Entwicklung ihrer Rolle in der Geschichte helfen dem Zuschauer, das Gesehene nachzuvollziehen und anzunehmen. Die Musik von Jóhann Jóhannson ist zudem ein weiteres Puzzleteil der großartigen Atmosphäre des Films. In einer meiner ersten Reviews auf diesem Blog, der Besprechung zu James Camerons AVATAR (2009), hatte ich mich über den Ethno-Kitsch ausgelassen, mit dem James Horner den Film unterlegt hatte. Für mich klang die Musik einfach zu sehr nach Musik der Erde und konnte nicht als Untermalung der fremden Na’vi-Zivilisation dienen. Stattdessen entlarvt der AVATAR-Soundtrack den Film als die herkömmliche, kein bisschen originelle Geschichte, die er ist. Man vergleiche im Gegenzug den Score von Jóhannson für ARRIVAL! Auch die wissenschaftlichen, technischen Elemente des Films, überzeugen und wirken authentisch. Ob sie hundertprozentig realistisch sind, ist eine andere Frage, aber für einen Film nicht relevant. Sie müssen überzeugend sein. Jedenfalls ist die Kommunikationsbarriere zwischen Menschen und Aliens und die Vorgehensweise, sie zu beseitigen, durchweg gelungen. Die dominante Präsenz des Militärs in solchen Szenarien (im Film vertreten durch Forest Whitaker in der Rolle des Colonel Weber) hat mich schon immer gestört, aber ich muss wohl akzeptieren, dass dies nicht allzu unrealistisch ist, sollte es jemals zu einem Erstkontakt auf der Erde kommen.

Neben dem hervorragenden Spiel, den starken Bildkompositionen und des Scores ist vor allem Eric Heisserers Drehbuch der Schlüssel des Films, denn hier, in dieser ersten Instanz der Produktion, wird determiniert, welche Art von Film am Ende herauskommen kann. Das Drehbuch zu ARRIVAL, das auf Ted Chiangs preisgekrönter Kurzgeschichte Story of Your Life (1998) basiert, ist faszinierend aufgebaut und schafft es, ein kompliziertes Konzept zu erzählen, ohne auf übermäßige Exposition zurückgreifen zu müssen. Im Laufe des Films bekam ich erste Befürchtungen, dass gegen Ende zu viel erklärt und per Dialog aufgelöst werden würde, doch zum Glück verweigert der Film diese billige Lösung. Das Drehbuch der Gebrüder Nolan zu INTERSTELLAR (2014) hat in dieser Hinsicht Probleme. Abstriche mache ich ausschließlich bei der Darstellung einzelner Nationen, da gewisse Stereotypen verwendet werden. Doch hier vermeidet ARRIVAL weitergehende Peinlichkeiten, womit diese Momente das Gesamterlebnis nicht signifikant stören. ARRIVAL ist ein fantastischer SF-Vertreter und hat das Potential zum Klassiker des Genres. Villeneuves Film unterstreicht, wie Science Fiction sein sollte.

ARRIVAL
USA 2016
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Eric Heisserer
Kamera: Bradford Young
Schnitt: Joe Walker
117 min.

10/10

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