ROGUE ONE

Dieser Artikel enthält ein paar leichte Spoiler.

Zu Beginn von STAR WARS: EPISODE IV – A NEW HOPE (1977), können wir im vorbeiziehenden Einleitungstext lesen:

„It is a period of civil war. Rebel spaceships, striking from a hidden base, have won their first victory against the evil Galactic Empire. During the battle, Rebel spies managed to steal secret plans to the Empire’s ultimate weapon, the DEATH STAR, an armored space station with enough power to destroy an entire planet.“

ROGUE ONE, der neue Star Wars Film, der unter der Regie von Gareth Edwards (MONSTERS, GODZILLA) entstand, erzählt die Ereignisse um die Rebellen, denen es gelang, die Baupläne des Todessterns zu stehlen, um sie schließlich an Prinzessin Leia weiterzugeben. ROGUE ONE ist in der Chronologie zeitlich also zwischen EPISODE III – REVENGE OF THE SITH (2005) und EPISODE IV: A NEW HOPE angesiedelt. Dies ist der erste Star Wars Film, der zur Star Wars Anthologie gehört, damit zum offiziellen Kanon, doch als stand-alone fungiert. Dies passt zur mittlerweile bekannten Strategie der Disney-Bosse, aus den zahlreichen Franchises, die im Laufe der Jahre gekauft wurden, so viel Profit wie möglich zu schlagen. Disney goes Marvel. Abgesehen von der offensichtlichen wirtschaftlichen Motivation des Projekts (unterstrichen auch durch die internationale Besetzung, um so viele internationale Märkte wie möglich zu erreichen) stellt sich die Frage nach der Qualität des Films als eigenständiges Werk (und auch im Vergleich zu den restlichen Filmen. Auch wenn ROGUE ONE abseits der Trilogien läuft, wird sich ein solcher Vergleich nie vermeiden lassen). Diese ist, zumindest nach meinem Ermessen, recht schnell beantwortet. ROGUE ONE ist qualitativ zwischen den katastrophalen Prequels und der klassischen Trilogie inkl. THE FORCE AWAKENS (2015) einzuordnen. Um Episoden I bis III zu übertreffen, muss man wahrlich kein filmisches Genie sein. Den Kultstatus der klassischen Filme erreicht der Film allerdings lange nicht. Denn ROGUE ONE ist ein durch und durch trockener Film – ein Kriegsfilm, streng genommen – dem es völlig an der Leichtigkeit und dem Witz der Originale mangelt. Vor allem mangelt es ROGUE ONE aber an interessanten und sympathischen Charakteren.

ROGUE ONE

Eine Menge Figuren werden eingeführt, viele von ihnen hätten das Potential gehabt, für den Zuschauer durchaus interessant zu werden. Doch sie werden allesamt oberflächlich behandelt, nie geht Edwards (bzw. die Drehbuchautoren Chris Weitz und Tony Gilroy) in die Tiefe eines Charakters. Der Rebell Saw Gerrera, gespielt von Forest Whitaker (ARRIVAL), ist so ein Beispiel. Er hätte durchaus eine faszinierende, exzentrische Figur abgeben können, doch wir erfahren über ihn nur in Form von Exposition, dass er Jyn Erso (Felicity Jones) aufgezogen hat und sich von der Rebellenallianz aufgrund seiner extremistischen Tendenzen abgespalten hat. In dem Moment, als man meinen könnte, den Charakter kennenzulernen, wird er getötet. Die Hauptfigur selbst ist eine verschlossene, verbitterte junge Frau, die sich schließlich im Zuge der Ereignisse der Sache der Rebellen anschließt. Doch viel mehr erfahren wir nicht über sie, alles wird auf einer sehr heruntergekürzten Ebene aberzählt. Einzig die Einführungsszene, in der die noch junge Jyn von ihren Eltern getrennt wird, deutet an, dass auf emotionaler Ebene mehr möglich gewesen wäre, vor allem Dank Mads Mikkelsen (VALHALLA RISING). Cassian Andor (Diego Luna), einer der Rebellen, wird als desillusionierter Partisane vorgestellt, der längst den Schritt zum Extremisten gemacht hat, doch auch seine Figur bleibt enttäuschend farblos und langweilig. So zieht sich das durch den ganzen Cast des Films. Auch der chinesische Superstar Donnie Yen (IP MAN, FLASH POINT) wird in ROGUE ONE verschwendet. Das von ihm ständig wiederholte Jedi-Mantra nervt, sein Verhalten als blinder Kämpfer ist ein reiner Stereotyp (und Zatoichi-Abklatsch). Man hätte Yen wesentlich cooler einbinden können, wenn man wirklich Interesse an seinen schauspielerischen und fantastischen Martial-Arts-Fähigkeiten gehabt hätte. Doch Yen sollte wohl in erster Linie dafür sorgen, dass das chinesische Publikum in großer Schar ins Kino gelockt wird. Gibt es weiterhin im Star Wars Universum eigentlich ausschließlich Sidekick-Droiden, die für den comic relief zuständig sind?

ROGUE ONE

Da überzeugende Figuren neben der Story das Rückgrat eines jeden Films bilden, ist der Schaden somit angerichtet. Die Story selbst ist grundsätzlich in Ordnung, doch letztlich banal. Wollen wir wirklich sehen, wie Rebellen die Pläne des Todessterns stehlen, der dann in einem späteren Film zerstört wird, nur um schließlich in einem anderen Film durch einen neuen ersetzt zu werden? Die Frage muss jeder für sich beantworten, aber in dieser Hinsicht erinnert ROGUE ONE an die unzähligen Fan-Filme, die unterschiedliche Qualität oder Virtuosität aufweisen, denen es aber fast immer an Seele mangelt, weil sie letztlich nie eine eigene Aussage sind, sondern einfach nur in einer bekannten Welt schwelgen, die nie signifikant verändert und gestaltet wird. ROGUE ONE besitzt im Vergleich zu diesen Filmen einfach nur ein größeres Budget. Generell kann ich mit dem Phänomen des fan service leben, den man in Filmen dieser Kategorie (wie auch den unzähligen Superheldenfilmen) immer bekommt. Das ist etwas, auf das man sich beim Kauf der Kinokarte bewusst einlässt. Dennoch muss festgehalten werden, dass in ROGUE ONE beispielsweise der Miniauftritt Darth Vaders unnötig ist. Ich hätte mir gewünscht, in einem Film wie ROGUE ONE nicht ein einziges Lichtschwert zu sehen, aber das ist wahrscheinlich nicht möglich, schließlich will Disney der nachwachsenden Generation auch ein paar Vader-Figuren verkaufen. Wirklich störend bei ROGUE ONE ist jedoch, dass er in beinahe allen Szenen mit Klischees arbeitet (z. B. befreundete Figuren, die im letzten Moment auftauchen, um dem Protagonisten zu retten) und leider so gut wie nie zu überraschen weiß. Da können durchaus beeindruckende und gelungene visuelle Effekte, so etwa eine gigantische Raumschlacht am Ende des Films, auch nur bedingt drüber hinwegtrösten.

Wohlgemerkt, ROGUE ONE ist kein grundlegend schlechter Film, er ist einfach nur ein durchschnittlicher, herkömmlicher Actionfilm, der in manchen Szenen zwar Spaß macht und auch unterhalten kann, insgesamt aber in Belanglosigkeit untergeht. Sein schlechter Score (Musik von Michael Giacchino) ist in dieser Hinsicht nicht sehr hilfreich. Er hat keine markanten Themen und ist an zu vielen Stellen unangebracht überdramatisch.

ROGUE ONE

An diesem Film ist kurioserweise ein völlig anderer Aspekt das wirklich Interessante, das mir während des gesamten Kinobesuchs immer wieder durch den Kopf ging. Ja, ROGUE ONE ist ein Kriegsfilm, doch ROGUE ONE ist ironischerweise ein antiimperialistischer Kriegsfilm, der sich auf die Seite von Rebellen schlägt, die gegen ein übermächtiges Imperium kämpfen. Das ist natürlich bereits seit A NEW HOPE der Fall, und es gibt auch mehr oder weniger ernst gemeinte Interpretationen, die sich mit der Radikalisierung Luke Skywalkers befassen. Doch vor allem ROGUE ONE, da hier der Kriegsaspekt der quasi einzige des Films ist, beleuchtet besonders stark die Mentalität und Vorgehensweise von Rebellen, Freiheitskämpfern, Terroristen, Jihadi (jeder suche sich das Label seiner Wahl aus), die den Kampf gegen den Imperialisten aufnehmen. Die Filmemacher machen es sich natürlich seit der Geburtsstunde des Star Wars Universums einfach, indem sie in simplem Schwarz-Weiß-Denken das Imperium zu einem 100-prozentigen Bösen machen, so dass die Sympathien des Publikums nur bei den Rebellen liegen können. Sie sind die Guten. Doch man stelle sich folgendes Gedankenexperiment vor: Was wäre, wenn ROGUE ONE keine Star Wars Lizenz hätte, sondern in einem ganz anderen Universum spielen würde? Die Story ist exakt die Gleiche, doch die Produktion wäre keine US-amerikanische, sondern z. B. eine algerische oder libysche, und der Cast würde vollständig aus arabischen Schauspielern bestehen. Würde Hollywood den Film ebenso lieben und aus allen PR-Kanonen den Hype starten? Würden die Verleiher in aller Welt immer noch frohlocken und den Film in den größten Multiplexen zeigen? Würden amerikanische, bzw. westliche Medien voller Inbrunst für die Sache der Rebellen in diesem intergalaktischen Freiheitskampf schwärmen und sie selbstverständlich als die Guten betrachten?

Während J.J. Abrams‘ THE FORCE AWAKENS vor allem mit guten Charakteren und einem gewissen sense of wonder punkten konnte, der Lust auf die kommenden Filme macht, bleibt ROGUE ONE ein überernster Blockbuster, der kaum etwas hinterlässt außer kurzweilige Unterhaltung.

ROGUE ONE
USA 2016
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Chris Weitz, Tony Gilroy
Kamera: Greig Fraser
Schnitt: John Gilroy, Colin Goudie, Jabez Olssen
134 min.

6/10

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