ALIEN: COVENANT

Veröffentlicht: 23. Mai 2017 in reviews
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Diese Review enthält einige Spoiler!

ALIEN: COVENANT spielt zehn Jahre nach den Ereignissen von PROMETHEUS (2012). Das Kolonisationsschiff Covenant befindet sich auf dem Weg in eine neue Welt, wo die Crew sowie ihre 2000 Kolonisten (gefrorene Embryonen) ein neues Leben beginnen sollen. Aufgrund eines Zwischenfalls wird die Crew aus dem Kälteschlaf geweckt – es kommt zu einigen Verlusten. Dann stellen sie fest, dass sie ein Signal empfangen haben, das zweifellos menschlich ist – jemand singt Country Roads von John Denver. Das Signal stammt von einem anderen Planeten, den die Kolonisten nicht kennen und der auch nicht erforscht ist – doch seine Werte sind den Instrumenten nach besser als die ihres Zielplaneten. Also entscheidet der zum Captain aufgestiegene Oram (Billy Crudup), einen Umweg zu machen und der Sache auf den Grund zu gehen. Warum die Chance vergehen lassen, eine bessere Welt zu finden?

Dass das Ganze natürlich eine katastrophale Fehlentscheidung ist, dürfte jedem klar sein, der den Titel des Films kennt und in den letzten Jahrzehnten nicht ganz hinter dem Mond gelebt hat. Natürlich stoßen die Kolonisten auf dem fremden Planeten auf den tödlichen Organismus, der dann im Laufe der Spielzeit die Crew zunehmend dezimiert, bis am Ende ein Häufchen Elend übrig bleibt. In meiner Rezension zu PROMETHEUS hatte ich mich über das völlig stupide und unprofessionelle Verhalten der Akteure beklagt, die sich wie in einem Teenie-Slasher einfach nur von Szene zu Szene umbringen lassen – das Ganze vor einer beeindruckenden visuellen Kulisse, wie man es von Altmeister Ridley Scott (ALIEN, BLADE RUNNER, GLADIATOR, THE MARTIAN) gewohnt ist – dafür aber in einer haarsträubenden Handlung, die mit allen möglichen Elementen pseudo-philosophische Fragen aufzuwerfen scheint, aber in Wirklichkeit einfach nur um jeden Preis Spannung und Mysterium beim Zuschauer auslösen will – ganz gleich, wie sinnfrei sie ist oder ob die zahlreichen in den Ring geworfenen Elemente je erklärt, aufgelöst oder sonstwie verarbeitet werden. Dabei folgte Drehbuchautor Damon Lindelof seinem LOST-Prinzip: ein Teaser nach dem anderen, Rätsel auf Rätsel, doch von logischer Auflösung keine Spur, und eine Plausibilitätsprüfung sollte man in diesem Fall lieber auch nicht durchführen. Die großen Fragen, die in PROMETHEUS (ziemlich dilettantisch) aufgeworfen wurden, allen voran die Frage, wer die Menschheit erschaffen hat, wurden natürlich nicht beantwortet (Tatsächlich beruhte die Prometheus-Mission auf der fragwürdigen Hypothese der Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace), laut derer das Leben auf der Erde von den sogenannten Ingenieuren erschaffen wurde. Dabei berief sie sich auf Höhlenmalereien und ihren Doktorvater Erich von Däniken – weitere Beweise hatte sie nicht. Ironischerweise stammte der einzige intelligente Satz vom ansonsten idiotischen Biologen, der einwarf, dass man also für diese „Hypothese“ mal eben so hunderte Jahre solide und verifizierte Evolutionstheorie über den Haufen wirft). Stattdessen wurde der Zuschauer auf das Sequel verwiesen. Shaw und Davids Kopf verlassen den Mond und machen sich auf die Reise zur Welt der Ingenieure, um die Antworten von ihnen zu erhalten.

Und was passiert nun in ALIEN: COVENANT? Fuck this shit, dachten sich Autoren, Produzenten und Regisseur. Shaw ist tot, die Ingenieure sind tot, David (Michael Fassbender) ist ein durchgedrehter Genozid-Android geworden, der mit dem black goo herumspielt, bis er irgendwann den perfekten Organismus erschafft. Alles, was in PROMETHEUS angedeutet und gewissermaßen versprochen wurde, ist über den Haufen geworfen worden. Der Zuschauer möchte lieber reichlich Xenomorphs, Facehugger und Chestburster sehen. Ich möchte wohlgemerkt nicht die Handlung von PROMETHEUS verteidigen, denn wie ich schon geschrieben habe, halte ich sie für schwach und wissenschaftlich absoluten Humbug. Science Fiction enthält nun mal zwei Begriffe, nicht nur die Fiction. Wenn wissenschaftliche Konzepte völlig ignoriert oder offensichtlich nicht verstanden werden, wenn dem Zuschauer Mist verkauft wird, als hätten Kreationisten einen Drehbuch-Pitch in Hollywood gewonnen, dann kann man das kaum noch Science Fiction nennen. Keiner erwartet hier eine Doktorarbeit, aber eine einfache Wiki-Lektüre hätte Lindelof damals auch geholfen, das Konzept von Evolution in seinen Grundzügen zu begreifen.

Aber zurück zu ALIEN: COVENANT. Offensichtlich wollten sich die Verantwortlichen völlig vom PROMETHEUS-Konzept verabschieden – entweder, weil sie wussten, was Lindelof für einen Quatsch geschrieben hat, oder weil sie wieder zurück zum guten alten Monster-tötet-Crew-im-Raumschiff-Konzept wollten. Das wollen die Zuschauer doch, oder? Ich hatte ja nach PROMETHEUS die leichte Hoffnung, dass Scott vielleicht die Schwächen erkannt und im Sequel angehen wollte, so dass ALIEN: COVENANT runder und plausibler würde. Doch nachdem ich mir einen Tag vor dem Kinobesuch nochmals PROMETHEUS mit dem Regiekommentar Scotts angesehen hatte, waren meine Hoffnungen schnell dahin. Im Kommentar kann man einem Mann zuhören, der völlig von sich überzeugt ist und so ziemlich jede Szene und jede Entscheidung in PROMETHEUS in den Himmel lobt. Scott ist also der Meinung (oder will uns weismachen), dass PROMETHEUS ein großer Wurf war.

There’s no real logic of reason for that, I just liked it. (Ridley Scott, PROMETHEUS Audiokommentar)

Mit entsprechend gesenkten Erwartungen konnte ich nun also ALIEN: COVENANT sehen, und die Befürchtungen haben sich bewahrheitet. ALIEN: COVENANT ist genauso wie PROMETHEUS ein visuelles Erlebnis, mit grandiosen Bildern in fantastischem Design, doch genauso wie PROMETHEUS ist auch die Fortsetzung sowohl sinnfrei und unplausibel, und das Verhalten der Charaktere steht in starker Konkurrenz zur Dummheit der PROMETHEUS-Crew. Hier gibt es eine Crew, die mit einem Kolonisationsschiff auf die weite und teure Reise zu einem neuen Planeten ist. Eine vorbereitete Reise, ein erforschter Planet, der bewohnbar ist und alles bietet, was die Kolonisten brauchen. Jahrelange Forschung muss hierfür geleistet worden sein. Ressourcen wurden aufgebracht, Menschen dafür ausgebildet. Und doch fällt ihnen nichts Besseres ein, als auf einen anderen Planeten zu fliegen, denn der könnte ja besser sein, und dort dann wieder in guter Teenie-Slasher-Manier einen dummen Tod nach dem anderen zu finden. Ja, sie wollen nach dem Ursprung des Signals suchen und ja, sie können dann weiterfliegen zum eigentlichen Zielplaneten. Sie wollen ja nur mal nachsehen. Und dabei sämtliche Sicherheitsrisiken eingehen, die man auf einer so wertvollen Mission vermeiden sollte. Allein schon dieser Gedanke zeigt, wie idiotisch der Charakter ist (in diesem Fall der Captain, der als religiöse Figur dargestellt wird, die aus dem Glauben heraus, nichts sei zufällig, ihrer Bestimmung folgen will) bzw. die Drehbuchautoren John Logan und Dante Harper bei der Ausarbeitung ihrer Figuren vorgegangen sind. Niemand, der eine so große Verantwortung trägt, würde so eine Entscheidung fällen. Er würde vielleicht eine kleine Crew losschicken, um das Signal zu erkunden (Star Trek Außenteam lässt grüßen). Captain Oram findet dann auch schließlich das Ende, das er in seiner Dummheit verdient, und das ebenso wenig Sinn macht wie das Meiste in ALIEN: COVENANT.

Eine erneut viel zu große Crew, an deren Gesichter und Funktion sich der Zuschauer schon nach wenigen Minuten nicht mehr erinnern kann, idiotische Entscheidungen, eine Handlung, die wenig Sinn ergibt und nur darauf hinausläuft, am Ende ein Monster im Raumschiff zu haben, das die Crew tötet, und natürlich eine blutige Todesszene nach der anderen. In diesen Momenten stellt man als Zuschauer fest, dass dieses Franchise entweder artistisch schon lange tot ist und nur noch durch ständige Repetition (bis hin zur kurzhaarigen Heldin, die am Ende gegen das Monster kämpft) ausgeschlachtet wird, oder dass es den Machern schon lange völlig egal ist und sie den Zuschauer lieber für dumm verkaufen, solange der Film sein Geld einspielt. Soll man als Zuschauer positiv reagieren, wenn man in PROMETHEUS über die Ingenieure rätselt, nur um dann in ALIEN: COVENANT zu erfahren, dass sie mal eben so aus der Handlung gestrichen wurden, dass alle Prämissen aus PROMETHEUS über den Haufen geworfen wurden, weil man lieber den Androiden durchdrehen lässt? Soll man hinnehmen, dass die Autoren nicht den leisesten Plan über Biologie, Evolution und allgemein Wissenschaft haben, aber ständig mit diesen Themen um sich werfen, als hätten sie oder ihre Charaktere einen solchen? Soll man sich damit zufriedengeben, dass Weyland (Guy Pierce) im Intro von ALIEN: COVENANT gezeigt wird, dann aber links liegen gelassen wird, weil er nicht mehr relevant ist? Shaw tot, Ingenieure tot, Weyland kurzer Cameo, David wird ein Psycho, keine Antworten, willkommen bei LOST, Season 7. Die kurzen Momente der Vernunft werden nur der Form halber gezeigt, um etwas Konflikt zu haben. So weist Daniels (Katherine Waterston) den Captain korrekt darauf hin, dass seine Entscheidung fahrlässig und undurchdacht ist. Whatever! Klappe, rational denkende Person! Mein Glaube sagt mir, dass alles eine Vorsehung hat, also machen wir das so, wie ich will!

Rein theoretisch ist das Alien-Franchise (Links zu allen Alien-Rezensionen weiter unten) nicht am Ende. Es wäre durchaus möglich, intelligente Drehbücher zu schreiben, die gerne auch größere Themen ansprechen. Doch es besteht offensichtlich kein Interesse daran, ob das nun an schlechten oder faulen (oder unterforderten) Autoren, an selbstverliebten Regisseuren, an profitorientierten Studios oder am Publikum liegt, das sich bereitwillig verdummen lässt. Theoretisch nein, aber de facto ist das Alien-Universum tot. Um diese Erkenntnis zu teilen, muss man kein Nostalgiker sein, der in der Filmvergangenheit lebt. Filme wie ALIEN (1979) und BLADE RUNNER (1982) sind unsterblich, weil sie weder von den Effekten, noch von Drehbüchern abhängig waren, die auf einen Kurzzeiteffekt abzielten, sondern weil sie Maßstäbe gesetzt haben und originell waren. Wir schauen sie noch heute und werden sie weiterhin schauen. Filme wie ALIEN: COVENANT spielen zwar eine Menge Geld ein, aber nur wenige Jahre nach ihrem Erscheinen kräht schon kein Hahn mehr nach ihnen. Glaubt jemand im Ernst, dass ALIEN: COVENANT in 40 Jahren einen ähnlichen Platz in der Filmgeschichte haben wird? Dies trifft auf die meisten Spektakel zu, die in den letzten Jahren die Multiplexe heimsuchen. Nur ein Bruchteil von ihnen wird in Erinnerung bleiben – die meisten werden in ferner Zukunft im SchleFaZ-Programm laufen und die Zuschauer sich wegschmeißen und wundern, wie das Publikum damals diese Titel ernst nehmen konnte. Kalkofe präsentiert: ALIEN: COVENANT – IDIOTS IN OUTER SPACE.

ALIEN: COVENANT
USA, UK, AUS, NZ, CAN 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Kamera: Dariusz Wolski
Schnitt: Pietro Scalia
122 min.

5/10

Weitere Ridley Scott Reviews:

Reviews zum Alien-Franchise:

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Kommentare
  1. Hatte nach den hier eher harschen Worten nochmal auf das PROMETHEUS Review geklickt und war dann ziemlich überrascht, dass der Film ja doch starke 7 von 10 Punkte erhalten hat, trotz der doofen Handlung etc. Hat sich da die Meinung über PROMETHEUS seit der Kinosichtung ins Gegenteil verkehrt oder wie erklärt sich die Diskrepanz?

    Ich mochte in COVENANT den ALIEN-Ansatz, während ich die PROMETHEUS-Elemente etwas deplatziert fand. Das mag auch daran gelegen haben, dass sie nicht wirklich homogen wirken. Du schriebst es ja: Ingenieure plötzlich ausradiert und David ist etwas plötzlich größenwahnsinnig. Mir selbst gefiel COVENANT dabei besser als PROMETHEUS, wohl primär wegen der stärkeren ALIEN-Elemente und auch, da hier die Crew für mich von ihren Persönlichkeiten her etwas greifbarer sind (obschon dennoch allesamt eindimensional geschrieben).

    • indy sagt:

      Bei der PROMETHEUS-Review würde ich eher auf den Inhalt achten als auf die numerische Wertung, weil sowas auch immer ein wenig von der Tagesform abhängig ist. Ich habe den Film jetzt vor COVENANT nochmal gesehen und ihm dann 6 Punkte gegeben. Insgesamt gefällt mir PROMETHEUS besser. Es stimmt schon, dass in COVENANT der Ansatz aus ALIEN wieder verstärkt zu sehen ist, allerdings ist mir das zu viel Recycling, ohne etwas Neues. Die ganzen Schock-Momente z. B. schocken nicht, sondern wollen eher durch ihren Gore beeindrucken. Das finde ich ziemlich schwach. Daher wurde der Film für mich mit zunehmender Laufzeit immer öder.

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