ZOOTOPIA

Veröffentlicht: 11. Juni 2017 in reviews
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ZOOTOPIA

In Zootopia leben alle Säugetiere gemeinsam in einer hochmodernen Metropole – Raubtiere und Beutetiere aller Arten und Größen finden hier ein Zuhause. Judy Hopps kommt vom Lande und hat nur einen Traum: Polizistin in Zootopia zu sein. Als erster Hase gelingt ihr ein Abschluss in der Polizeiakademie, doch als sie schließlich auf der Polizeiwache in Zootopia ihren Dienst antritt, wird sie in den Politessen-Dienst versetzt. Niemand nimmt hier, wo überwiegend Großkaliber wie Elefanten, Nashörner und Büffel arbeiten, eine kleine Hasenfrau ernst. Doch dann wittert Judy ihre Chance: Um ihren Job zu retten und einen echten Fall zu lösen, hat sie 48 Stunden Zeit, einen vermissten Otter wiederzufinden. Helfen soll ihr dabei nicht ganz freiwillig der Hustler Nick Wilde, ein kleinkrimineller Fuchs, der mit verschiedenen krummen Dingern seinen Lebensunterhalt verdient. Bald schon stellen die beiden fest, dass der Fall wesentlich größer als erwartet ist.

Disneys ZOOTOPIA ist nach langer Zeit wieder eine Geschichte von „bekleideten Tieren“, wie sie vor allem aus Wolfgang Reithermans ROBIN HOOD (1973) unsterblich in Erinnerung geblieben sind. Gleichzeitig ist der Film, der sich an das Genre des klassischen Buddy cop films orientiert, ein erfrischend lockeres und originelles Drehbuch (ich vermute, dass hier der Einfluss von Rich Moore, der bereits bei WRECK-IT RALPH Regie geführt hatte, eine wichtige Rolle gespielt hat), das einerseits mit einer Unzahl an herrlichen und urkomischen Einfällen und Gags glänzt, weiterhin durch sein fantasievolles Produktionsdesign begeistert und zudem auch noch gesellschaftskritische Töne kindgerecht vermittelt. Denn der alte Konflikt zwischen Raub- und Beutetieren ist in der Gesellschaft noch immer latent vorhanden, vor allem in Form von stereotypischen Ängsten, die im Laufe der Handlung genährt werden und die Gemeinschaft zu zerbrechen drohen. Parallelen zu aktuellen Problemen sind unschwer zu erkennen. Aber das Gute an ZOOTOPIA ist, dass der Film sich niemals überernst nimmt und zu sehr moralisiert.

Als ich noch klein war, waren Disneyfilme für mich das Größte, und lange Zeit auch die einzigen Filme, die mich überhaupt interessierten. Disney war also mein prägender Einstieg in die Filmwelt. Die Vorstellung von vermenschlichten Tieren in einem ansonsten typisch menschlichen Setting hatte mich immer begeistert, weshalb ich auch die Zeichentrickserie Tale Spin (Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew) und natürlich Duck Tales im Disney Club liebte. Damals zeichnete ich in der Freizeit (und *hust* während des Schulunterrichts) noch Comics, und die Idee von anthropomorphen Tieren in einer Metropole ließ mich nicht los – nur an der Umsetzung haperte es. ZOOTOPIA ist somit die Erfüllung eines Kindheitstraums, die zudem auch noch filmisch vollends gelungen ist. Daher konnte ich auch nicht unbedingt der Story das Meiste abfinden (obwohl sie mir gefallen hat), sondern in erster Linie dem Gesamtkonzept und der Umsetzung der Stadt und seiner Bewohner selbst. Tatsächlich sind die Einstellungen in Zootopia, das aus vier verschiedenen klimatischen Regionen besteht, eine konzeptionelle Meisterleistung. Jeder Shot lässt das Gefühl aufkommen, hautnah dabei zu sein und mehr sehen zu wollen (was gäbe ich für eine Zootopia-Serie!). Dabei wurden so viele Ideen in die Laufzeit komprimiert, dass der Film visuell beinahe explodiert. Es ist unmöglich, die winzigen Details nach nur einer Sichtung des Films alle auszumachen. Die Tiere wurden im originalen Maßstab entworfen, so dass die Gebäude und Infrastruktur von Zootopia sowohl einer Giraffe als auch einer Maus angepasst sein müssen. Eine der umwerfendsten Szenen spielt im Viertel der Nagetiere, Little Rodentia, in dem Judy in einer Miniaturstadt einem räuberischen Wiesel hinterherjagt, während sie versucht, dabei keinen Nager plattzutreten. Doch auch die Szenen in der Straßenverkehrsbehörde oder im Nudisten-Club folgen den Prinzipien der klassischen Komödie und ringen um einen Platz als beste Momente des Films. ZOOTOPIA verwendet zahlreiche Anspielungen und Zitate und spielt mit Film-Klischees, die einem Kind verborgen bleiben und somit auch Erwachsene erfreuen.

Neben dem Design der Architektur und Umwelt sind auch die unzähligen Figuren eine Augenweide. Hier übertreffen sich die Künstler des Walt Disney Animation Studio wieder selbst. In den Massenszenen muss man das Bild pausieren, um sich die verschiedenen Bewohner genauer ansehen zu können. Die Protagonisten wiederum sind liebevoll animiert und für ihre Rollen herrlich ausgewählt. Technisch ist ZOOTOPIA ein weiterer Sprung nach vorne, vor allem, was die Animation der Haare (bzw. Pelz und Fell) angeht. Auch wenn Disney in dieser Hinsicht vor allem mit TANGLED (2010), aber auch mit FROZEN (2013) schon eine Menge Erfahrung sammeln konnte, stellen die zahlreichen behaarten Charaktere in ZOOTOPIA die bisherigen Disney-Charaktere in den Schatten. Disney täte weiterhin gut daran, Mut zu fassen und weiter an originellen Storys zu arbeiten (wie WRECK-IT RALPH und ZOOTOPIA), anstatt sich regelmäßig auf das formalisierte romantische Musical und seine Disney-Prinzessinnen zu verlassen und auszuruhen (THE PRINCESS AND THE FROG, FROZEN). Das Jahr 2016 jedenfalls war in Disneys Filmographie bärenstark und bot mit ZOOTOPIA und MOANA gleich zwei Filme, die konzeptionell zweigleisig fuhren und zudem neue qualitative Standards gesetzt haben. ZOOTOPIA ist der internationale Titel; in Europa kam der Film als ZOOTROPOLIS in die Kinos, vermutlich um Parallelen zu Langs Klassiker zu ziehen. In Deutschland jedoch erschien der Film aufgrund eines Rechtstreits unter dem Titel ZOOMANIA. Unnötig verwirrend (auch MOANA hat diese Probleme), aber für den Film nicht weiter von Belang. ZOOTOPIA, der 55. Animationsfilm aus dem Hause Disney, hat einen Platz unter den Klassikern verdient.

ZOOTOPIA
USA 2016
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston
Kamera: Brian Leach (Licht), Nathan Warner (Layout)
Schnitt: Jeremy Milton, Fabienne Rawley
108 min.

10/10

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